Kautschuk [3]


Kautschuk [3]

Kautschuk. Die Gattung Hevea umfaßt etwa zwanzig Arten, deren geographische Verbreitung sich über das ganze Amazonastal und einen Teil des oberen Orinoco erstreckt. Eine kleine Zahl dieser Arten liefert den Borrachakautschuk von Brasilien und den Jebekautschuk von Peru. In erster Linie ist Hevea brasiliensis zu nennen, der sehr variiert, auch hinsichtlich der Latexerzeugung und des Kautschukgehaltes der Milch. Die von Eug. Poisson in der Umgegend von Para beobachteten »weißen« und »schwarzen« Heveen sind wahrscheinlich verschiedene Arten: die »Seringueira preta« (schwarz) dürfte zu Hevea guayanensis und die »Seringueira branca« (weiß) zu H. brasiliensis zu stellen sein. Die mit H. Spruceana sehr nahe verwandte H. discolor des Rio Negro liefert, wie auch Huber angibt, nur einen harzigen wertlosen Gummi. H. Spruceana ist unter dem Namen »barriguda« bekannt, d.h. ohne Kautschukwerk. Der von H. guyanensis (»Seringueira mangue«) erzeugte Latex ist arm an Kautschuk und letzterer von geringer Qualität. H. Benthamiana und H. Duckei sind die hauptsächlichen Erzeuger des Kautschuks vom Rio Negro. Im südlichsten Senegal- und französischen Nigergebiet wächst auf[328] unbebauten Laterithochebenen die Liane Landolphia Heudelotii, von den Eingeborenen »Golime« genannt. In gut bestandenen Gegenden findet man 40–80 Lianen auf dem Hektar. Lianen von 5 bis 6 Jahren geben jährlich 80–85 g Kautschuk, strauchartige Pflanzen nur 25–35 g. 1913 betrug die Ausfuhr an Lianenkautschuk 113453 kg. Neuerdings haben die Botaniker der Universität in Kalifornien bei mehreren kalifornischen Kompositen aus den Gattungen Chrysothamnus, Ericameria und Stenotus Kautschuk festgestellt, bei einigen beträgt der Kautschukgehalt 3–5%, bei Ericameria (Zwergkaninchenbusch) aber bis zu 10%. Im Gegensatz zu dem den Sonnenblumengewächsen angehörenden Guayulestrauch, Parthenium argentatum, gehören die genannten Gattungen den Astergewächsen an.

Trotz der niedrigen Kautschukpreise ist die Gewinnung von Guayulekautschuk in Mexiko nicht verschwunden. die Guayule Rubber Co. Ltd. gewann 1917 nicht weniger als 642500 lbs Guayulekautschuk, die sie mit 10500 £ Nutzen in Neuyork verkaufte. Freilich hatte sie infolge der Revolutionswirren Schwierigkeiten, genügend Guayulebüsche zu beschaffen.

In bezug auf Neuerungen im Räucherverfahren sind der Byrne-Prozeß, Wickhams Hardcure-Prozeß, der Economic-Prozeß sowie Mendes Prozeß zu erwähnen. Byrnes Prozeß besteht in einer Maschinerie zur Erzeugung heißer Rauchdämpfe, wobei aber Ueberhitzung des nur oberflächlich geräucherten Kautschuks leicht möglich ist. Die anderen neueren Prozesse bemühen sich, den Latex schon während der Koagulation zu räuchern, und zwar geschieht dies bei Mendes Prozeß ganz in der Art der Räucherung des Parakautschuks in Brasilien, nur wird anstatt des Holzes oder der Schaufel eine mit der Hand drehbare Trommel benutzt, auf welche die Milch gegossen wird. Bei Wickhams Prozeß wird der Rauch der innerhalb einer Trommel rotierenden Milch zugeführt. Die Maschine soll 50 lbs Kautschuk pro Stunde bereiten; der Kautschuk besteht dann aus schmalen Streifen, die in einer Presse zu einem Block zusammengedrückt werden; der ganze Prozeß soll in 24 Stunden beendet sein. Bei der »Economical Coagulating Machine« tropft oder fließt die Milch von oben über rotierende Trommeln, während der Rauch von unten eintritt, hierbei wird der koagulierte Kautschuk von den Zylindern automatisch abgeschabt und schließlich zwischen den letzten Zylindern geformt. Als Coagulans wird gleichzeitig eine Urucurina genannte, aus den Nüssen der brasilianischen Urucurypalme hergestellte Flüssigkeit empfohlen. Das Verfahren von Adolf Runge, Hannover, (s. Gummi-Zeitung 1916, S. 569) schließt sich der Economical Coagulating Machine insofern an, als auch hier die Kautschukmilch von oben auf Walzen oder Trommeln herabtropft, während von unten her Rauch hindurchstreicht.

Ein auf Ceylon gefundenes neues Verfahren, um die frische Kautschukmilch schnell und sicher zu koagulieren, besteht in der Anwendung eines wässerigen Auszugs der Kokosschale. Der Vorteil dieses Verfahrens besteht darin, daß das Material überall in den Tropen nahezu kostenlos zu haben ist, während die bisher verwandten chemischen Säuren teilweise mit recht beträchtlichen Unkosten angekauft werden mußten. Das Gerinnungsmittel C. de Pintos in Para besteht aus einer alkoholischen Lösung von 2 kg Kreosot, 1 kg salzsaurem Chinin und 1 g Natriumkarbonat; das Gemisch wird mit Wasser oder dem Serum von Kautschukmilchsaft verdünnt.

Ueber die Ursachen des wechselnden Verhaltens des Kulturkautschuks bei der Vulkanisation ergab sich, daß die Veränderlichkeit im Vulkanisationsgrad von Plantagenkautschuken in dem Unterschied von Qualität und Quantität gewisser Nichtkautschukstoffe im Milchsaft begründet ist, die nach der Gewinnung im Rohprodukt zurückbleiben. B.J. Eaton meint, daß ein vom Protein abgeleiteter Stoff die Vulkanisation beschleunige, so daß auch die Menge des Proteins bezw. des vom Kautschuk eingeschlossenen Serums von Wichtigkeit ist und damit auch das Alter der Bäume.

Der Kautschukschaum (Schaumkautschuk) hat, je nach der Ausdehnung, der man den Kautschuk nach der Vulkanisation und Gasaufnahme unterwirft, ein spezifisches Gewicht von nur 0,065–0,2; der Kautschukschaum ist demnach 4–12 mal leichter als Holz und übertrifft an Leichtigkeit auch den Kork, der ein spezifisches Gewicht von 0,27 besitzt. Weichkautschukschaum mit einem spezifischen Gewicht von 0,045 ist sogar 6 mal leichter als Kork. Eine Hartkautschukschaumfäule hat ungefähr die Struktur eines dünnwandigen Röhrenknochens. Man kann daher den Hartgummischaum als festen Innenkörper künstlicher Glieder benutzen. Diese künstlichen Knochen sind gegen Druck, Zug und Biegung sehr widerstandsfähig und äußerst leicht. Aus diesem Grunde dient der Hartkautschukschaum auch für Schwimmzwecke, zur Herstellung von leichten und temperaturerhaltenden Entwicklungsschalen, zu leichten Akkumulatorgefäßen, zu Flaschen für Flußsäure, ferner für alle Gegenstände, bei denen es neben hoher Fertigkeit auf leichtes Gewicht sowie Unempfindlichkeit gegen Feuchtigkeit ankommt.

[329] Die Kautschukharze sind je nach der Provenienz und der Art der Aufbereitung des Kautschuks verschiedene balsamweiche bis sprungharte Produkte. Reine Kohlenwasserstoffe sind bei den Kautschukharzen selten, meist sind sie sauerstoffhaltig und stellen Ester hoch molekularer Säuren mit Cholesterinen dar. Sie lassen sich verseifen und geben bei der trockenen Destillation keine Harzöle. Die Oele sind zum Teil viskos, schlecht leitend und so gut wie nicht verseifbar; durch Destillation lassen sie sich in niedrig siedende Kohlenwasserstoffe verwandeln.

Nach einem in der Philadelphiaabteilung der American Chemical Society gehaltenen Vortrag über die finanziellen Aussichten des synthetischen Kautschuks sind die bisher einzigen Verfahren, deren Erfolg verbürgt werden kann, jene der Synthetic Products Company sowie der Fabriken in Elberfeld und Ludwigshafen. Der wichtigste Grundstoff zur Synthese des Kautschuks ist das Calciumkarbid. Von diesem führt jetzt Japan große Mengen aus, allein im November 1907 fast 1 Million Pfund; dort wird es in 15 Fabriken hergestellt, und zwar soll die Gesamterzeugung daselbst schon 70 Millionen Pfund überschreiten. Wenn die Produktion des synthetischen Kautschuks 1918 etwa 2000 t betrug, so erscheint diese Menge immer noch geringfügig im Vergleich zur Jahresproduktion von 200000 t Plantagenkautschuk, wobei indes nicht zu vergessen ist, daß 20001 synthetischer Kautschuk einer Menge von etwa 3000 t Plantagenkautschuk entsprechen, wenn man die beinahe absolute Reinheit des ersteren in Rechnung stellt. Wenn auch der synthetische Kautschuk noch einen langen Weg vor sich hat, bis er den Naturkautschuk einholt, so legt er dafür diesen Weg in viel kürzerer Zeit zurück als die Natur, die durchschnittlich 7 Jahre beansprucht, bis der Baum ein widerstandsfähiges, zapfreiches Alter erreicht hat und den ersten Ertrag liefert.

Der Kautschukverbrauch hat sich während des Krieges mehr als verdoppelt. 1913 betrug er 108440 t, 1917 253580 t. Zwei Drittel des gesamten Weltverbrauches an Kautschuk fallen auf die Vereinigten Staaten. 1913 war Deutschland das größte Ausfuhrland fertiger Gummiwaren mit 30,5 Millionen Dollar Ausfuhrwert; 1917 führten die Vereinigten Staaten für 34,8 Millionen Dollar aus.

Die kautschukreichste deutsche Pflanze ist der klebrige Lattich, Lactuca viminea, die 0,49% Reinkautschuk enthält, während die Gänsedistel nur 0,16% und die Zypressenwolfsmilch, Euphorbia cyparissias, 0,27% Reinkautschuk aufweist. Es ist jedoch zu beachten, daß die tropischen Kautschukpflanzen meist höhere Bäume sind, während man, um aus unserer Euphorbia cyparissias einige Gramm Milch zu gewinnen, einige tausend Exemplare benötigt. Der berühmte 39 Jahre alte Heveabaum im Heneratgodagarten in Ceylon gab in 31/2 Jahren nicht weniger als 375 lbs trockenen Kautschuk.


Literatur: Tropenpflanzer XVIII–XXII, 1914/15–1919. – O. Labroy et V. Cayla, Culture et exploitation du Caoutchouc an Brésil, Rapport présenté à M. le Ministre de l'Agriculture, Industrie et Commerce des Etats Unis du Brésil, 1913. – E. Ule, Hevea brasiliensis Muell. Arg. im überschwemmungsfreien Gebiet des Amazonenstromes, Beibl. Nr. 114 zu Englers Botan. Jahrb., L, 1914, S. 13 f. – Vgl. a. die Fachblätter »Die Gummiindustrie«, Bramsche b. Osnabrück; Le Caoutchouc et la Gutta-Percha, Paris; India Rubber World, Neuyork.

Ernst Gilg und Julius Schuster.


http://www.zeno.org/Lueger-1904.