Wildbäche


Wildbäche

Wildbäche, in Tirol und Vorarlberg Tobel genannt, sind solche Gebirgsbäche, welche bei Regen stark anschwellen und hierbei so viel Erd- und Gesteinsmaterial mitreißen, daß im schlimmsten Falle statt des Wassers sich ein förmlicher Schlamm- und Gesteinsstrom, als Muhre, Muhrgang, Rufe oder Lava bezeichnet, herabwälzt.

Kleinere Arten von Wildbächen sowie die obersten Zweigrinnen derselben sind die Runsen und Wasserrisse. Diese findet man zur regenfreien Zeit gewöhnlich ausgetrocknet. Es gibt einfache Wildbäche, welche nur eine einzige, von einem Gebirgssattel ausgehende Hauptschlucht, und zusammengesetzte, die mehrere Schluchten haben. Die Wasserrisse liegen häufig auf einer Berglehne und beginnen entweder schon beim Gebirgskamme oder unterhalb desselben. Nach der Herkunft des Geschiebmaterials unterscheidet man: unterwühlende Wildbäche, deren Geschiebe nur von dem Unterwaschen und Abbrechen der Sohle und der Berghangfüße herrührt; dann abschwemmende Wildbäche, denen hauptsächlich der abrieselnde Regen von den nackten Berglehnen oder eventuell das Gletscherschmelzwasser die durch Verwitterung gebildeten Stein- und Erdteilchen als Geschiebe und Schlamm zuführt. An jedem Wildbache sind drei Hauptteile zu erkennen:

1. Das Einzugs- oder Sammelgebiet c d e (vgl. Grundriß und Längenschnitt nebenstehender Figur), das im ganzen oder zum Teil in Hinsicht auf vorzunehmende Verbesserungsarbeiten auch Perimeter, Schutzzone oder Arbeitsfeld heißt; auf diesem Gebiete findet der Zusammenlauf des Regens und Ansammlung desselben in der Wildbachschlucht sowie die Erzeugung des Geschiebes durch Erosion und Abbröckelung des Gebirges statt;

2. der Abfluß- oder Sammelkanal e f, jener mittlere Teil eines Wildbachs, kurz vor dem Austritte auf den Talboden, wo die Bergwände von beiden Seiten nahe zusammentreten und oft eine sogenannte Klamm oder Enge bilden; hier erfährt die Abflußmenge nur eine geringe Vermehrung; die Schuttmasse wird in ihrer ganzen Menge fortgetrieben; die Backsohle erleidet weder eine Vertiefung noch eine Erhöhung, und dieser Zustand bezw. diese Stelle wird deshalb auch als Gleichgewichtsprofil (Ausgleichprofil) oder als Gefällgrenze bezeichnet;

3. der Schuttkegel f g h, welcher im Tale durch die Ablagerung der von den Fluten herabgebrachten Geschiebsmassen gebildet wird; derselbe hat am Ende f des Sammelkanals gleichsam seine Spitze und breitet sich zum Flusse hinunter kegelförmig aus. Die Bachrinne liegt auf der höchsten oder Scheitellinie des Kegels. Gewöhnlich setzt sich diese Schuttablagerung auch als eine Barre quer durch den Talfluß fort; hierdurch wird flußaufwärts ein Rückstau und vielfach eine Versumpfung des Tales erzeugt, flußabwärts hingegen eine Stromschnelle.

Zur Verbesserung oder sogenannten Beruhigung eines Wildbaches dient die Wildbachverbauung, und zum nachhaltigen Erfolg ist noch die Aufforstung und Berasung des betreffenden Gebirges nötig. Die Wildbachverbauung wird wesentlich durch Ausführung einer entsprechenden Anzahl von quer über das Gerinne gestellten Bauwerken, von den Querwerken oder Talsperren, bewirkt. Diese, wenn sie als Grundsperren oder -schwellen i i niedrig sind, verhüten, gleichsam Fixpunkte bildend, jede weitere Unterwühlung und Vertiefung der Wildbachsohle, legen die letztere also fest. Durch höhere Talsperren m n wird aber vor allem das große Wildbachgefälle gebrochen, die starke Neigung der Grabensohle in eine Treppenlinie aufgelöst, die zwischen gering geneigten Strecken plötzliche, unschädliche Abstürze über die Talsperren aufweist. Der beckenförmige Raum unmittelbar oberhalb der Talsperren erfährt durch das von den Fluten mitgebrachte und zurückgehaltene Geschiebe mehr oder minder bald eine[926] Ausfüllung; hierdurch erscheint die ursprüngliche Backsohle gleichsam in die Höhe gehoben und zugleich auch verbreitert, weil in größerer Höhe die beiderseitigen Berglehnen weiter voneinander abstehen. In der ersten Zeit sind daher die höheren Talsperren auch durch die Zurückhaltung des bereits im Fortschwemmen begriffenen Geschiebmaterials nützlich. Infolge der durch diese Verbauung bewirkten Gefällsermäßigung und Sohlenverbreiterung findet eine beträchtliche Verminderung der Geschwindigkeit und der Stoßkraft des Wildbachhochwassers statt; dann ist dieses nicht mehr imstande, solche Abbrüche am Bachbett zu verursachen und solche Geschiebsmassen zu Tal zu fördern wie vordem. So wie der Hauptwildbachgraben sind auch die denselben speisenden Runsen und Risse durch ähnliche, kleinere Querwerke i i zu staffeln, d.i. in etwas steilere Stufenlinien zu zerlegen, damit hier die Geschiebserzeugung und -abfuhr hintangehalten werde. In einigen Fällen, wo leicht unterwaschbare Lehnenfüße noch besonders geschützt werden sollen, kommen auch Längswerke, in der Regel als ausschlagfähige Flechtzäune, gleichsam die Uferlinien des Wildbachgerinnes bildend, zur Anwendung. – Durch überflüssige Nässe aufgeweichte, leicht abrutschbare Stellen und leicht abschwemmbare Teile der Berglehnen sind durch Entwässerungsanlagen (Sickerschlitze) bezw. durch Bodenbindungsarbeiten (Flechtzäune) zu sichern. – Wenn irgendwo ein hinreichendes Zurückhalten des Geschiebes auf längere Zeit nicht möglich erscheint, sorgt man für das unschädliche Abführen desselben vielfach in einem muldenförmig gebildeten, gepflasterten oder gemauerten Gerinne, welches Schale genannt wird. Diese pflegt man häufig auf dem Schuttkegel herzustellen. Manchmal legt man in letzterem Falle am Ausgang des Sammelkanals einen Ablagerungsplatz fürs Geschiebe an; derselbe ist talabwärts und an den Seiten von Dämmen begrenzt, ein Bassin bildend, auf welchem das Hochwasser sich ausbreiten und das mitgerissene feste Material absetzen kann. – Die Herstellung der Talsperren erfolgt aus Mauerwerk, besonders Trockenmauerwerk, aus Steinkästen (s.d.), aus Holzwerk (Prügelsperren), bei niederen noch aus Flechtzäunen sowie aus Faschinen. Wegen der Details sei auf nachfolgende Literatur verwiesen.


Literatur: Duile, J., Ueber Verbauung der Wildbäche in Gebirgsländern, vorzüglich in der Provinz Tirol und Vorarlberg, Innsbruck 1826 (heute noch mustergültiges Handbuch); Surell, A., Etudes sur les Torrents des Hautes-Alpes, Paris 1841; Salis, A. v., Das schweizerische Wasserbauwesen, Bern 1883; v. Seckendorff, Verbauung der Wildbäche, Aufforstung und Berasung der Gebirgsgründe, Wien 1884: Die Wildbachverbauungen in den Jahren 1883–94, herausgegeben vom k. k. Ackerbauministerium, Wien 1895; Handbuch der Ingenieurwissenschaften, III. Teil, Bd. 6, 2. Kap., Leipzig 1909, mit zahlreichen weiteren Literaturangaben.


Wildbäche

http://www.zeno.org/Lueger-1904.

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