Gebirgsstörungen

Gebirgsstörungen

Gebirgsstörungen oder Dislokationen werden in der Geologie alle mechanischen Ortsveränderungen gebirgsbildender Schichten und Schichtreihen sowie der Massengesteine genannt.

Die ursprüngliche Lagerung der Schichtgesteine ist eine wagerechte, und somit ist jede Verrückung der Schicht aus ihrer wagerechten Lagerung die Folge einer Gebirgsstörung. Hierbei muß man jedoch die Einschränkung machen, daß kleinere Ablösungen von Schichten, die nicht auf Wirkungen von Vorgängen im Innern der Erdrinde zurückgeführt werden können, also z.B. die Felsabstürze, Bergrutsche, Gehängeschuttbildungen der Gegenwart, auch nicht als Gebirgsstörungen angesehen werden können. Die Gegenwart ist arm an echten Gebirgsstörungen; um so reicher sind frühere geologische Perioden.

Nach der Art der Bewegungen in der Erdrinde kann man zwei Haupterscheinungsformen der Gebirgsstörungen unterscheiden. Diejenigen Störungen, die in wagerechter oder tangentialer Richtung in der Erdkruste wirkten, erzeugten eine Stauchung, eine Zusammenschiebung der Erdschichten in Falten. Man lieht diese Art Störungen allgemein als Folgen der durch die allmähliche Erkaltung der Erde entstehenden Zusammenziehung oder Schrumpfung der Erdrinde (Volumenverminderung) an (s. Gebirge). Die Stauchungen und Faltenbildungen in der Erde bilden das größte Maß der Ortsveränderungen von Schichten. Sie gaben Anlaß zur Bildung unsrer höchsten Gebirge.

Die Bewegungen der zweiten Art von Gebirgsstörungen führten zu Zerreißungen und Brüchen der Gebirgsschichten und zu Verschiebungen der auseinander gerissenen Teile längs der Trennungsfläche (s. Verwerfung). Die Bruch- oder Verwerfungsfläche hat selten eine wagerechte Lage, meist eine mehr oder minder zum Horizont geneigte oder nahezu senkrechte Stellung. Demnach sind die Bewegungen, die Verwerfungen erzeugten, meist Senkungen, Ab- und Einbrüche in der Erdrinde. Da die Senkungen nur selten auf große Flächen hin gleichmäßig stattfanden, so nehmen die verworfenen Schichten in der Regel eine geneigte Lagerung an, besonders an den Rändern großer gefalteter Gebirge (Alpen, Harz, Thüringer Wald, Vogesen, Schwarzwald). Man kann im allgemeinen annehmen, daß jede geneigte Lage einer Schicht durch eine Gebirgsstörung erzeugt wurde. Die Störungserscheinungen verteilen sich auf die ältesten geologischen Formationen weit häufiger als auf die jüngsten. Nicht in allen Fällen ist es möglich, sie zu erkennen, besonders wenn dieselben Schichten zu verschiedenen Zeiten von Störungen heimgesucht wurden. Das Vorhandensein einer Faltung ist an Schichtenbiegungen und starken Neigungen in Aufschlüssen und an Wiederholungen derselben Schichten im Querprofil zu erkennen. Verwerfungen dagegen sind als meist stark geneigte Flächen im Aufschluß[327] nur selten zu sehen. Ohne denselben können sie nur daran erkannt werden, daß verschiedenalterige Schichten längs Linien aneinander grenzen, die nicht mit den Schichtflächen zusammenfallen. Bei horizontaler Schichtenlagerung bilden die Verwerfungen meist in gerader Richtung Berge und Täler überschreitende Grenzlinien. Bei geneigten Lagerungen treten häufig auch geneigte, d.h. von der Senkrechten stark abweichende Verwerfungsflächen auf. Je genauer die normale Schichtenfolge eines Gebirges bekannt ist, desto leichter lassen sich die Gebirgsstörungen erkennen. Da, wo indessen Faltungen und Verwerfungen in wiederholtem Maß zum Ausdruck gelangten, ist die Erkennung der Verwerfungen sehr schwierig, also in den ältesten Formationen, kristallinen Schiefern, Cambrium, Silur. Die Zeit von der unteren Steinkohlenformation bis zur Trias war reich an Gebirgsstörungen. Vom Buntsandstein an bis zum Beginn der Tertiärformation fehlen in Zentraleuropa sicher nachweisbare Störungen. Erst in der älteren Tertiärzeit beginnen Faltungen und Verwerfungen eine über die ganze Erde sich ausdehnende Verbreitung zu gewinnen. Diese Störungen dauern bis in die Miocänzeit hinein fort, und die Erdbeben der Gegenwart werden zum Teil noch als Folgen (Nachzügler) jener Störungserscheinungen betrachtet.

In vielen Fällen reiht sich an die Bildung von Gebirgsstörungen die Eruption von glutflüssigen Magmen. Es scheint, daß durch die Verwerfungen Hohlräume, sei es als offene Spalten oder als weite Röhren, geschaffen wurden, in die das Magma aus dem Erdinnern hineingepreßt wurde. In andern Fällen geben die Hohlräume die Ablagerungsorte für Erze und andre Mineralien ab. Die Kenntnis der Gebirgsstörungen, insbesondere der Verwerfungen, ist für den Bergmann von der höchsten Wichtigkeit.


Literatur: Margerie und Heim, Die Dislokationen der Erdrinde, Zürich 1888.

Leppla.


http://www.zeno.org/Lueger-1904.

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