Garnprüfung [1]


Garnprüfung [1]

Garnprüfung erstreckt sich auf die Bestimmung des verarbeiteten Rohmaterials, der Feinheit des Garnes, der Gleichmäßigkeit, des Drehungsgrades, der Festigkeit und Dehnbarkeit sowie des Feuchtigkeitsgrades und Fettgehaltes. Bei gefärbten Garnen wird auch mitunter eine Prüfung auf Farbechtheit stattfinden.

1. Die Bestimmung des Rohmaterials kann zuweilen auf sehr einfache Weise erfolgen. So unterscheiden sich z.B. tierische oder pflanzliche Fasern schon durch die Erscheinungen beim Anzünden und Verbrennen des betreffenden Garnes. Fasern tierischen Ursprungs geben sich hierbei, infolge ihres Stickstoffgehaltes, durch langsames Verbrennen unter Bildung eines schwärzlichen Aschenknötchens und Auftreten eines eigenartigen Geruches nach verbranntem Horn zu erkennen, während vegetabilische Fasern beim Anzünden sofort aufflammen, rasch verbrennen und nur wenig weißliche Asche hinterlassen. Ferner werden tierische Fasern von starken alkalischen Lösungen, wie Natron- oder Kalilauge, vollständig aufgelöst, wogegen Pflanzenfasern hierdurch nur kaum merklich angegriffen werden. Diese Methode kann zur quantitativen Trennung von Tier- und Pflanzenfasern benutzt werden. Eine einfache Prüfung zum Nachweis[261] von Leinenfasern neben Baumwolle ist die sogenannte »Oelprobe«. Hierbei wird das zu untersuchende Fasermaterial in Baumöl getaucht und das überschüssige Oel mit Filtrierpapier entfernt. Leinen nimmt ein gallertartiges, durchscheinendes Aussehen an, etwa ähnlich geöltem Papier, Baumwolle dagegen bleibt unverändert. Auf dunkelm Untergrund erscheint dann die Leinenfaser dunkel, Baumwolle aber hell. Den sichersten Aufschluß über die Art des Fasermaterials gibt, besonders bei Mischgarnen, die mikroskopische Prüfung. Zur Herstellung der Präparate wird die Garnprobe eventuell nach Reinigung von Schmutz, Farbe, Fett u.s.w. auf einer Glasplatte (Objektträger) in Wasser oder, wenn eine Aufhellung nötig ist, in Glyzerin oder Kanadabalsam mittels Präpariernadeln mechanisch in seine Fäserchen zerlegt und mit einem sehr dünnen Glas (Deckglas) bedeckt. Auftretende Luftblasen, die das Bild Hören würden, sind möglichst zu entfernen. Bei gewissen Fasermaterialien, Flachs, Hanf, Jute u.s.w., bei denen die Elementarfasern in Form von Faserbündeln vereinigt sind, wird die Trennung in Elementarfasern, die den anatomischen Bau am besten erkennen lassen, wesentlich erleichtert durch Mazeration, d.i. eine Behandlung mit Lösungen (z.B. verdünnter Natronlauge, Chromsäure, Salpetersäure), die zerstörend auf den Zusammenhang der Elementarfasern einwirken, ohne diese selbst zu beschädigen. Mikroskopische Querschnitte werden hergestellt, indem parallel gelegte Fasern in Paraffin, Guttapercha, Wachs oder andres eingebettet und zwischen zwei Korkstücken fest eingeklemmt werden. Dann schneidet man mit einem Rasiermesser möglichst seine Scheiben senkrecht zur Faserachse ab und legt die Schnitte nach eventuellem Ausziehen des Einbettungsmittels wie oben in Wasser oder Glyzerin ein. Will man mehrere aufeinander folgende Querschnitte beobachten, so bedient man sich zweckmäßig eines Mikrotoms, mit dem man beliebig viele, gleichmäßig seine Schnitte hintereinander abtrennen kann. Für die Unterscheidung der verschiedenen Fasermaterialien im mikroskopischen Bilde ist maßgebend ihr anatomischer Bau, die Form der Oberhaut resp. Oberhautzellen, Auswüchse der Oberhaut, Vorkommen gewisser Gefäße u.s.w. Im Falle diese Merkmale noch keinen sicheren Schluß zulassen, wendet man mit Erfolg mikrochemische Reagenzien an, indem man beobachtet, welche Veränderungen die Fasern in verschiedenen Lösungen annehmen. Hauptsächlich werden diese Reaktionen bei vegetabilischen Fasermaterialien angewendet. Solche mikrochemische Reagenzien sind z.B. salzsaures Phlorogluzin oder Anilin, durch die Holzstoff und verholzte Fasern rot bezw. gelb gefärbt werden, ferner Jod in Verbindung mit Schwefelsäure, die auf verholzten Fasern ebenfalls Gelbfärbung, auf reiner Cellulose (Baumwolle, Flachs) dagegen eine blaue Färbung hervorbringen. Eine Lösung von Kupferoxyd in Ammoniak leistet ebenfalls treffliche Dienste, indem die hierbei auftretenden Quellungen bestimmter Fasern einen sicheren Schluß auf die Art derselben zulassen. Neben der Bestimmung des Rohmaterials wird es sich in manchen Fällen noch darum handeln, Kenntnis über die Qualität des betreffenden Fasermaterials zu erlangen. Maßgebend hierfür sind: Faserlänge, Faserdicke resp. Breite, Elastizität, Kräuselung, Gleichmäßigkeit u.s.w. Auch diese Untersuchungen werden zum Teil auf mikroskopischem Wege ausgeführt [1]–[7].

2. Feinheit der Garne. Um einen Maßstab für die verschiedenen Feinheitsgrade der Garne zu haben, hat man den Begriff der »Garnnummern« eingeführt, d.i. das Verhältnis zwischen Gewicht und Länge [5], Man unterscheidet zwei Numerierungsweisen. Bei der einen gibt die Garnnummer an, wieviel Längeneinheiten zur Erfüllung eines bestimmten Gewichtes erforderlich sind, bei der zweiten ist die Garnnummer gleich dem Gewicht der Längeneinheit.

Die Numerierungssysteme unterscheiden sich weiter durch die Verschiedenheit der bei den einzelnen Staaten gebräuchlichen Maßeinheiten. International ist das sogenannte metrische System, bei dem als Gewichtseinheit 1 kg und als Längeneinheit 1000 m festgesetzt sind. Die Bestimmung der Nummer eines Garnes kann erfolgen in einfachster Weise durch unmittelbaren Vergleich mit Garnen von bekannter Feinheit, indem man eine gleiche Anzahl Fäden beider Garne gleichmäßig stark zusammendreht und die Dicke des entstandenen Zwirnes vergleicht. Genauere Ergebnisse erhält man nur durch Abmessen und Wägen einer beliebigen Fadenlänge, wobei sich die Garnnummer durch einfache Rechnung gemäß dem in Frage kommenden Numerierungssystem ergibt, zu: N1 = Pl/Lp, N2 = Lp/Pl.

Kürzere Garnlängen sind mittels Maßstabs zu messen und ihre Gewichte auf der chemischen Wage zu bestimmen. Bei Versuchen in Spinnereien und Webereien bedient man sich zur Ermittlung der Fadenlängen der Sortierhaspel und zur Feststellung des Gewichtes sogenannter Sortierwagen. Die Sortierhaspel (Fig. 1) besteht im wesentlichen aus einem Flügelrade oder[262] drehbaren steifen, polygonartigen Rahmenwerk, auf das der zu messende Faden aufgewickelt wird. Hierbei bewirkt ein selbsttätiger Fadenleiter, daß die einzelnen Wicklungen sich gleichmäßig nebeneinander legen und somit ihre Längen stets gleich dem Haspelumfange sind. Ein mit Läutewerk ausgerüstetes Zählwerk zeigt die Anzahl der Wicklungen an. Die Sortierwagen sind Laufgewichtswagen oder kleine Pendelwagen, an welche die Garnprobe von bestimmtet Länge angehängt wird (Fig. 2). Der Gradbogen der Pendelwagen ist zur unmittelbaren Ablesung der Feinheitsnummer dem betreffenden Numerierungssystem entsprechend geteilt. Beim Abmessen der Fadenlängen ist darauf zu achten, daß das Garn mit bestimmter Fadenspannung aufgehaspelt wird [5], [11]–[13].

3. Die Gleichförmigkeit in der Dicke des Gespinstes (s.a. unten bei Fertigkeit) wird meist mit sogenannten Fadenkontrollmaschinen ermittelt, mit denen eine größere Garnlänge mittels eines Fadenführers so auf ein mit Samt überzogenes Brettchen aufgewickelt wird, daß die einzelnen Lagen parallel und in genau gleicher Entfernung voneinander zu liegen kommen (Fig. 3). Etwaige Unregelmäßigkeiten in der Dicke des Garnes können auf diese Weise deutlich erkannt werden [5], [8], [11], [13].

4. Der Grad der Drehung, der »Drall« oder »Draht« des Garnes, d.h. die Anzahl Windungen, die das Garn innerhalb der Längeneinheit enthält, ist von wesentlichem Einfluß auf seine Festigkeit und Dehnung [9]. Die Ursache liegt in dem verschiedenartigen Spannungszustand der einzelnen Fasern im Garn. Wird nämlich ein Bündel ausgestreckt nebeneinander liegender Fasern, das durch ebene Flächen begrenzt ist, zusammengedreht, so legen sich die äußeren Fasern des Bündels in Schraubenlinien um die innerste Faser. Die Schrägstellung der Fasern nimmt von innen nach außen zu. Die Enden der äußeren Fasern sind daher in stärkerem Maße bestrebt, sich einander zu nähern, d.h. sie wirken mehr auf eine Verkürzung des Gespinstes hin als die inneren Fasern. Hierdurch entsteht eine Wechselwirkung zwischen den einzelnen Faserschichten, indem die inneren auf Zusammendrückung in der Längsrichtung (Stauchung) und zugleich auf Seitendruck, die äußeren auf Zug und auf Seitendruck beansprucht werden. Solange nun die Reibung zwischen den Fasern, die nicht die ganze Länge des Gespinstes besitzen, sondern nur mit den Enden in derselben Schicht nebeneinander gelegen sind, sich überschneiden, gering ist, werden die äußeren Fasern unter ihrer Inanspruchnahme auf Zug gegeneinander gleiten. Dies geschieht bei fortgesetztem Drehen so lange, bis die

Reibung zwischen den Fasern infolge vermehrten Seitendruckes größer geworden ist als die Zugwirkung. Alsdann dehnen die äußeren Fasern sich zunächst; zugleich nimmt die Stauchung der inneren Fasern in stärkerem Maße zu, indem immer mehr Fasern auf Zug beansprucht werden. Schließlich vermag der Kern die Belastung auf Stauchung nicht mehr aufzunehmen, und der Faden knickt an der Stelle ein, wo die Zugspannungen in den äußeren Schichten am ungleichmäßigsten verteilt sind. Es tritt die Erscheinung auf, die beim überdrehten unbelasteten Faden als Schleifenbildung bezeichnet wird. Der Faden dreht sich in sich zusammen, wobei die ihm ursprünglich erteilten Drehungen so weit wieder zurückgedreht werden, bis das Gleichgewicht zwischen den äußeren Zug- und inneren Druckspannungen erreicht ist. – Da außen Zug- und innen Druckspannungen in dem Garn herrschen, so muß in jedem Querschnitt eine ringförmige Schicht vorhanden sein, die spannungsfrei ist. Die Spannungen, die senkrecht zu irgend einem Durchmesser oder in den konzentrischen Faserschichten herrschen, können somit nach Müllers Verfahren durch die Kurve b f c g d (Fig. 4) dargestellt werden, in der f und g die Schnittpunkte des Durchmessers mit der ungespannten Faserschicht bedeuten, während die senkrechte Entfernung der Kurvenpunkte von der Geraden f g nach oben die Zugspannungen und nach unten die Druckspannungen an den entsprechenden Stellen des Querschnittes darstellen. – Wird das Garn nun belastet, so sind die äußersten Schichten ab und de am meisten, aber alle Schichten bis f h und g i auf Zug belastet. Dehnen sich diese, so rückt die neutrale Ringschicht f g i h immer mehr nach innen. Erst wenn[263] sie mit der Achse c k zusammenfällt, sind alle Schichten auf Zug beansprucht. Hieraus ergibt sich ohne weiteres, daß der Drall oder Draht, mit dem die Garne gesponnen sind, auf deren Fertigkeit von Einfluß sein muß. Ist der Draht gering, so ist zwar der Spannungsunterschied zwischen den einzelnen Fasern nur ein verhältnismäßig kleiner, ebenso aber auch die Reibung. Die Fertigkeit des Garnes wird also in diesem Falle lediglich von dem Reibungswiderstände abhängen, den eine große Zahl von Fasern dem Gleiten aneinander entgegensetzt. Ist der Draht dagegen sehr groß, so sind zwar die Fasern stark gegeneinander gepreßt, so daß sie bei Belastung des Garnes nicht werden gleiten können; da aber besonders die äußersten Schichten schon von vornherein stark angespannt sind, so werden sie reißen, bevor überhaupt der Kern von den ihm innewohnenden Druckspannungen in die Zugspannung übergeführt ist. Die Fertigkeit des Garnes wird also bei starker Drehung von der überschüssigen Fertigkeit der äußeren Faser abhängen. Je größer die Zahl dieser tragenden Faser ist, desto größer wird die Garnfestigkeit sein. Diese wird also mit zunehmendem Draht anfänglich durch erhöhten Reibungswiderstand zu- und nach Ueberschreitung einer gewissen Drahtzahl infolge Ueberlastung der äußersten Faserschichten wieder abnehmen. Es ist mithin der für hohe Fertigkeit günstigste Drehungsgrad bei seinen Garnen größer als bei dicken und bei Garnen aus langen Fasern kleiner als bei solchen aus kurzen Fasern. – Die Wahl des Dralles richtet sich:

a) Nach der Feinheit des Garnes; feinere Garne erhalten ihre Festigkeit dadurch, daß der Gleitungswiderstand zwischen der vorhandenen kleineren Anzahl Fasern durch entsprechende Vermehrung der Reibung zwischen den Fasern erhöht wird. Mit größerer Feinheit muß also die Anzahl der Drehungen wachsen, und zwar steht diese im umgekehrten Verhältnis zur Fadendicke.

b) Nach der Länge des verarbeiteten Fasermaterials; je kürzer die Fasern sind, desto mehr Drall muß das Garn erhalten.

c) Nach der Verwendung, für die das Garn bestimmt ist. Kettengarne z.B. erhalten mehr Drehung als Schußgarne, die nebenbei das Gewebe auch füllen sollen. Garnen, die gezwirnt werden, gibt man weniger Drehung als direkt zur Verwebung bestimmten. Allgemein haben also Garne, von denen man besonders Biegsamkeit verlangt, weniger Drall als solche, die eine starke Belastung aushalten sollen.

Zur Bestimmung des Drehungsgrades an fertigen Garnen dienen sogenannte »Drall-;« oder »Zwirnprüfungsapparate« (Fig. 5). Diese bestehen im wesentlichen aus einem Brett mit zwei Klemmen, von denen die eine feststeht, während die andre drehbar gelagert und mit einem Zählwerk verbunden ist, an dem die Zahl der Umdrehungen abgelesen werden kann, die der zweiten Klemme bis zum vollständigen Aufdrehen des Garnes, d.h. bis zur parallelen Lage' der Fasern zu erteilen ist. Das Garn ist zum Versuch zweckmäßig mit einer seiner Dicke angepaßten Belastung zwischen beide Klemmen einzuspannen. Die Entfernung der letzteren voneinander wird der Berechnung des Dralles für die Längeneinheit aus der gefundenen Umdrehungszahl zugrunde gelegt. Durch Aufdrehen wird das Garn länger und daher schlaff. Das Maß, um das die Klemmen voneinander entfernt werden müssen, um die Fasern des aufgedrehten Garnes, ohne sie zu zerren, wieder geradezustrecken, bezogen auf die Einheit der ursprünglichen Probenlänge, nennt man den »Zwirneinschlag« [5], [8], [9], [11]–[13].

5. Die Fertigkeit und Dehnbarkeit der Garne wird mit Hilfe empfindlicher Zerreißapparate bestimmt, die mit Federn oder mit Pendelwage ausgerüstet sind. Bei einigen Konstruktionen der ersteren Art, wie z.B. bei dem Apparat von Hartig-Reusch, wird während des Zerreißvorganges ein Diagramm selbsttätig aufgezeichnet, das als Ordinate die Belastung, als Abszisse die Dehnung angibt, deren Größen mittels eines entsprechenden Maßstabes entnommen werden können. Das Schaubild hat den Vorteil, daß das Verhältnis zwischen Belastung und Dehnung in jedem Stadium des Versuchs bildlich gekennzeichnet ist. Da die Federn bei so kleinen Belastungen, wie sie bei diesen Prüfungen vorkommen, infolge ihrer Abhängigkeit von der Temperatur Ungenauigkeiten mit sich bringen, benutzt man bei genauen Messungen mit Vorteil Apparate nach Art der Pendelwage (Fig. 6), wie solche von Schopper in Leipzig in guter Ausführung gebaut werden. Die Reibung im Apparat ist durch Schneidenlagerung des Gewichtshebels auf ein Minimum reduziert; beispielsweise hat der für Festigkeitsmessungen bei Elementarfasern von der genannten Firma gebaute Apparat eine Empfindlichkeit von 0,1%. Die Einspannung der Fäden einer Versuchsreihe muß mit stets gleicher Anfangsspannung erfolgen, welchen Zweck man durch Anhängung eines entsprechend schweren Klemmgewichts an das untere Fadenende, nachdem das obere Ende in der Klemme bereits befestigt ist, erreicht. Dies hat noch den Vorteil, daß die Fäden immer lotrecht eingespannt sind. Bei Ausführung der[264] Versuche ist der Feuchtigkeitsgehalt des Gespinstes resp. der Luft und die freie Einspannlänge zwischen den Klemmen, die Versuchslänge, zu beachten.

Wählt man nun die Versuchslänge so klein, daß die einzelnen Fasern an beiden Enden erfaßt werden, so zerreißen diese beim Versuch, und die erzielte Zugfestigkeit des Garnes ist nur von der Festigkeit der Fasern und nicht nur von der Größe der Reibung zwischen den Fasern abhängig, sie ist also um so größer, je mehr Fasern an beiden Enden eingespannt sind [15], [16]. Unter der Festigkeit eines Garnes versteht man indes den Widerstand, den die durch den Spinnprozeß zu einem Faden vereinigten Fasern der Zugbelastung bis zum Bruch entgegensetzen. Ist die durch das Spinnen hervorgebrachte Reibung größer als die Festigkeit der einzelnen Fasern, so tritt bei entsprechender Belastung Bruch des Fadens ein, im andern Falle findet mehr ein Auseinanderziehen statt. Hieraus folgt, daß für einen sachgemäßen Zerreißversuch bei Gespinsten die freie Einspannlänge stets größer sein muß als' die Länge des Fasermaterials. Infolge der unvermeidlichen Ungleichförmigkeiten, die im Spinnprozeß ihre Erklärung finden, ist auch die Festigkeit des Gespinstes eine wechselnde, und um ein richtiges Bild von derselben zu erhalten, muß man daher eine größere Anzahl von Versuchen, etwa 10–20, vornehmen. Das aus den erhaltenen Werten gebildete Mittel wird dem mittleren Festigkeitszustand des Garnes um so näher kommen, je größer die Zahl der Einzelversuche ist. Aus der Gleichmäßigkeit der Festigkeitswerte läßt sich auch ein Schluß ziehen auf die Gleichmäßigkeit des Gespinstes selbst. Man bildet zu diesem Zweck aus allen den Versuchswerten, die hinter dem Gesamtmittel zurückbleiben, das sogenannte Untermittel, dann gibt der Unterschied zwischen beiden Mitteln, in Prozenten des Gesamtmittels ausgedrückt, einen Maßstab für die Gleichmäßigkeit des Garnes. Zur Beurteilung der Fertigkeit des Materials dient bei Gespinsten an Stelle der Bruchspannung, d.h. der Fertigkeit der Querschnittseinheit, die Reißlänge, d.i. die ermittelte Fadenfestigkeit in Gramm dividiert durch das Gewicht für 1 m Fadenlänge. Sie gibt somit die Länge des Fadens in Metern an, die erforderlich ist, um den frei hängenden Faden unter seinem Eigengewicht an der Aufhängestelle zum Abreißen zu bringen [5], [9], [11]–[16].

6. Der Feuchtigkeitsgrad der Garne ändert sich wegen der Hygroskopizität der Fasern mit dem Wärme- und Feuchtigkeitszustand der Luft und übt einen wesentlichen Einfluß auf die Eigenschaften der Gespinste aus. Es ist deshalb bei allen technischen Untersuchungen über Faserstoffe sorgfältig Rücksicht hierauf zu nehmen. Im Handel, namentlich bei Seide, ist der Wassergehalt des Garnes wegen der dadurch bedingten Gewichtsänderung in Rechnung zu ziehen, und es wird nur ein bestimmter Feuchtigkeitsgehalt, die sogenannte Reprise, als handelsmäßig zulässig erachtet. Seine Größe ist für die verschiedenen Gespinste eine andre und durch internationale Vereinbarungen wie aus nachstehender Tabelle ersichtlich festgesetzt.


Garnprüfung [1]

Die Ausführung der einschlägigen Untersuchungen erfolgt in der Regel durch amtliche Untersuchungsstellen, sogenannte Konditionieranstalten (s.d.) Die hierbei verwendeten Apparate sind Trockenschränke mit kontinuierlichem Luftstrom von 110° zur Erzeugung vollständiger Trockenheit (Fig. 7). Die Proben müssen in dem Schrank gewogen werden, da sie bei Entnahme aus demselben sofort wieder Feuchtigkeit aus der Luft aufnehmen würden. Die Schränke sind daher unmittelbar mit einer Gewichtswage (Apparate von Talebot in Lyon, von Kohl und Schopper) oder mit Pendelwage (Apparat von Ulmann in Zürich) oder mit Laufgewichtswage (Apparat von Findeisen in Chemnitz) ausgerüstet, an deren einem Arm die Probe frei schwebend in dem Schrank aufgehängt wird. Die Trocknung wird bis zum konstanten Gewicht fortgesetzt. Der Gewichtsverlust gibt den Feuchtigkeitsgehalt der Probe. Die Empfindlichkeit für Aenderung des Feuchtigkeitsgehaltes gemäß dem der umgebenden Luft ist bei den verschiedenen Fasermaterialien nicht die gleiche. Untersuchungen haben ergeben, daß Seide ihren Wassergehalt am schnellsten ändert, dann folgen der Reihe nach Flachs, Baumwolle, Kammzug, gewaschene Wolle und ungewaschene Wolle [5], [8], [10], [11], [13].

7. Die Bestimmung des Fettgehaltes, die besonders bei Kamm-, Streich- und Kunstwollgarnen im Gebrauch ist, erfolgt durch Behandlung einer gewogenen Probemenge am besten mit Petroleumäther im Soxhletschen Extraktionsapparat. Alles Fett und Oel wird hierbei im Aether gelöst; die Lösung sammelt sich in dem Kölbchen des Apparates an; aus ihm wird der Aether dann abdestilliert und der zurückbleibende Fettgehalt als die Gewichtszunahme des Kölbchens ermittelt.

[265] 8. Die Farbechtheit von gefärbten Garnen wird nach denselben Methoden festgestellt wie die Farbechtheit von Geweben u.s.w. Näheres s. Farbenechtheit.


Literatur: [1] Wiesner, Die Rohstoffe des Pflanzenreiches, Leipzig 1900/03. – [2] v. Höhnel, Die Mikroskopie der technisch verwendeten Faserstoffe, Wien 1887. – [3] Vétillart, Etudes sur les fibres végétales textiles, Paris 1876. – [4] Monte, The structure of the cotton fibre, London 1890. – [5] Herzfeld, Die technische Prüfung der Garne und Gewebe, Wien 1895. – [6] Behrens, Anleitung zur mikrochemischen Analyse, Heft 2, Leipzig 1896. – [7] Heermann, Färbereichemische Untersuchungen. – [8] Müller, Handbuch der Spinnerei, Bd. 3 Abb. 1 des Handb. d. mech. Technologie von Karmarsch. – [9] Ders., Ueber die Festigkeitseigenschaften fadenförmiger Fasergebilde in ihrer Abhängigkeit von dem Drahte derselben, Civilingenieur 1880, S. 137. – [10] Ders., Der Wassergehalt der Faserstoffe in seiner Abhängigkeit von dem Feuchtigkeitsgehalt der Atmosphäre, Civilingenieur 1882. – [11] Johannsen, Handb. d. Baumwollspinnerei, Leipzig 1902. – [12] Marschik, Physikalisch-technische Untersuchungen von Gespinsten, Wien 1904. – [13] Brüggemann, Die nötigen Eigenschaften der Gespinste und deren Prüfung, Stuttgart 1897. – [14] Smith, Festigkeit von Baumwollgarnen, Oesterr. Wolle- u. Leinenindustrie 1903, Heft 14. – [15] Rudeloff, Untersuchungen über den Einfluß des Materials und der Konstruktion auf die Festigkeit von Hanf testen, Mitteil. a. d. Kgl. technischen Versuchsanstalten zu Berlin, 1893, S. 89. – [16] Ebend. 1894, S. 1.

(Rudeloff) Herzog.

Fig. 1.
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Fig. 2.
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Fig. 3.
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Fig. 4.
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Fig. 5., Fig. 6.
Fig. 5., Fig. 6.
Fig. 7.
Fig. 7.

http://www.zeno.org/Lueger-1904.

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