Boden [2]


Boden [2]

Boden (hygienisch). In der Gesundheitslehre bezeichnet man den Boden [1] als den oberflächlichen Anteil der Erdkruste, der dem Menschen zur Anlage seiner Wohnungen und Kulturen dient.

Sandsteine und Sandablagerungen bilden im allgemeinen infolge Trockenheit und Wasserdurchlässigkeit einen gefunden Boden. Kalksteine verhalten sich mit wechselnder Struktur verschieden. In der Regel sind Kalkbildungen reichlich durchklüftet, so daß der Sauerstoff in den Untergrund eintreten und das Wasser abfließen kann. Auch der Kreideboden ist aus diesem Grunde gesund. Das Wasser gewisser Dolomitböden soll in den Alpen die Kropfbildung begünstigen. Der Gipsuntergrund wird für den menschlichen Bewohner hauptsächlich dadurch von Nachteil, daß das Grundwasser sich mit dem relativ leicht löslichen Gips sättigt (1/440) und damit fast ungenießbar wird. Tonboden bildet einen sehr schwer durchlässigen Untergrund, der besonders in Niederungslagen mit Nachteilen für die menschliche Gesundheit verbunden ist. Dem Ton schließt sich der Lehm an, während der Löß zufolge seiner vorzüglich entwickelten Porosität die guten Eigenschaften eines Sandbodens besitzt. Der Lehm der Flußauen und großen Niederungsgebiete enthält oft organische Substanzen in nicht unerheblicher Menge eingeschlossen. Diese rufen Fäulnisvorgänge im Untergrund hervor; die Schwerdurchlässigkeit des lehmigen Untergrundes, sein beträchtliches Imbibitionsvermögen für Wasser und der oft nicht sehr tiefe Grundwasserspiegel begünstigen dieselben. Das einem solchen Untergrund entnommene Wasser kennzeichnet sich nicht selten durch einen Beigeschmack faulender organischer Substanzen, auch Nitrite lassen sich oft darin nachweisen. Die Alluvialgebiete des Ganges, Po, Nil, der Rhone sind ebenso bekannt durch ihre Fruchtbarkeit wie durch ihre ungesunde Lage.

Von den chemischen Vorgängen, die sich im Boden abspielen, hängt die Natur der Bodenluft ab. Die Kohlensäure ist in der Tiefe (insbesondere wenn der Boden permeabel ist) reichlicher als an der Oberfläche, ebenso im Sommer mehr vorhanden als im Winter. Sinkt der Luftdruck, so steigt der CO2-Gehalt; nachts steigt die Kohlensäure in die oberflächlichen Schichten. Sauerstoff wird in der Tiefe immer spärlicher. Bodenluft enthält ca. 16% O (anstatt 20,9%). Fodor fand in der Bodenluft 0,5–0,8‰ Ammoniak und Kohlenwasserstoff; Schwefelt wasserstoff findet sich nur in Spuren, Leuchtgas nur abnormerweise (schadhafte Leitung) in der Bodenluft. Die Beschaffenheit der Bodenluft in Baugründen [2] ist keineswegs belanglos. Ist der Boden gefroren und die Luft kalt, dann saugen die in den Binnenräumen erwärmten Häuser leicht Bodenluft auf (vorausgesetzt, daß die Kellerfenster nicht immer offen sind). Im Sommer[100] ist dieser Diffusionsprozeß schwächer. Schwefelwasserstoff ist absolut schädlich, Kohlensäure, wenn über 1%. – Hinsichtlich der äußeren Konfiguration ist mit Bezug auf die Gesundheitspflege Berg-, Tal-, Ebenengrund zu unterscheiden. Der Aufenthalt in bedeutenden Höhen bedingt wegen des geringen Luftdruckes organische Veränderungen; in 600–900 m Seehöhe sind Boden und Baugrund besonders vorteilhaft für die Gesundheit. Da das Sonnenlicht (s. Licht) ein bedeutender sanitärer Faktor ist, sind im allgemeinen die Talböden wegen geringer Besonnung ungesund. Es scheint auch eine gewisse Beziehung zwischen Talboden und einigen Krankheiten (Kropf und Kretinismus) zu bestehen. Die Gesundheit des Ebenenbodens hält die Mitte. Von Bedeutung für den Hygieniker ist der Umstand, ob ein Bodenstück »bekleidet« ist oder nicht. Da die Vegetation einen Einfluß hat auf Aufnahme und Abgabe von Wärme und Wasser, da des weiteren die Kulturen Grundwasser sowie Luft aus dem Boden nehmen, macht die Vegetation den Boden trockener und minder zur Gärung tauglich. Von größter Bedeutung ist der Wald. Die Wurzeln drainieren den Boden und fixieren auch das Erdreich der Umgebung samt seiner Vegetation. Dichtbelaubte Wälder mäßigen die Gewalt der Winde, trocknen wegen ihres großen Wasserbedarfs den Boden aus und hemmen so die Entwicklung der Miasmen des feuchten Bodens. Das Abholzen ist in hygienischer Hinsicht darum schädlich, weil dadurch den Winden, die das Klima rauh machen, allzu freies Spiel gelassen wird. Unzählige Parasiten bewohnen den Boden; ihre Anzahl nimmt mit der Tiefe ab, weil die Kapillarwirkung des Bodens Zellen und Sporen aufhält, so daß in 2–3 m Tiefe der Boden in der Regel förmlich sterilisiert ist. – Maggiora fand, daß Humus und Ton keimhaltiger sind als Sand, Kultur- (gedüngtes) Land keimreicher als unkultiviertes Land. Die Mikroben sind teils solche, die Sauerstoff brauchen (aërobe), teils solche, die in Sauerstoff sterben (anaërobe). Zum geringsten Teile handelt es sich im Boden um Krankheitskeime; in der Mehrzahl ist der Keime Aufgabe die, die Nitrifikation des Bodens zu bewirken (das ist die Oxydation animalischer Stoffe zu Ammoniak, Nitriten, Nitraten, Fetten [besonders bei Anwesenheit von Kalk und Gips]) [3]. Die Malaria (Wechselfieber) wird durch Plasmodien erzeugt, die Feuchtigkeit und Wärme lieben (zumeist in Sumpfgegenden). Da die Keime weder zu große Nässe noch zu große Trockenheit vertragen, so kann je nach Umständen das Ueberschwemmen oder das Versanden von Nutzen sein. Die wesentlichsten Hilfsmittel sind: Bepflanzung (insbesondere mit Eukalyptus), Drainage und das Trockenlegen. In oberflächlichen Schichten findet man noch den Bazillus des malignen Oedems, des Wundstarrkrampfes. Auch der Cholera- und Typhusbazillus finden sich im Boden (s. Grundwasser). Da im Boden entgiftende Vorgänge Zweifellos stattfinden, wie dies Falk und Otto [3] sogar mit einer Strychninlösung nachwiesen, darf man die Gefahr der Infektion durch den Boden nicht in allen Fällen gar zu pessimistisch auffallen. Die hygienischen Untersuchungsmethoden des Bodens [5] zerfallen in die physikalische, die chemische und die bakteriologische (s. Bodenchemie, Bodenphysik). Die bakteriologische Untersuchung kann nur von geschulten Bakteriologen mit Erfolg vorgenommen werden.


Literatur: [1] Außer den betreffenden Abschnitten in den Lehrbüchern der Hygiene von Flügge, Leipzig 1894; Gärtner, 1892; Nowak-Rubner, 1895; Prausnitz, 1892; Rosenthal, 1890; Uffelmann, 1890 sind bezüglich des allgemeinen Teiles als Quellen anzusehen: Pettenkofer, Boden und Gesundheit, 1882, und Soyka, Der Boden, Leipzig 1887; der modernste Standpunkt offenbart sich in Rohes Text-Book of Hygiene, London 1895, und Whiteleggs Hygiena and public health, London 1895. – [2] Schülke, Gesunde Wohnungen, 1880. – [3] Behrend, Bedeutung der Mikroorganismen für die Nitrifikation, 1889. – [4] Falk und Otto, Ueber entgiftende Vorgänge im Boden, Berlin 1892 und 1893. – [5] Nach Boccis Guida tecnica del Medio igienista, Mailand 1893.

Sauer.


http://www.zeno.org/Lueger-1904.

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