Zettelrohrposten


Zettelrohrposten

Zettelrohrposten. Die nach dem Prinzip dauernder Luftströmung arbeitenden, daher von jedwedem Fahrplan unabhängigen Zettel- oder Flachrohrposten für Karten, wie sie beispielsweise bei den Telephonämtern in Berlin, Hamburg, München, Stuttgart u.s.w. für die Fernleitungsstellen eingerichtet sind, um täglich viele Tausende von Meldeblättern zwischen den verschiedenen zur Fernverkehrsabwicklung in Betracht kommenden Arbeitsplätzen in Umlauf zu bringen, weichen in der konstruktiven Ausgestaltung nur wenig voneinander ab. Das Linienschema ist fast durchweg einheitlich; die Gesprächsvormerkzettel werden mittels Saugluft von den Meldetischen des Fernamtes zur Rohrpostzentrale, der Leitstelle des Städteverbindungsbetriebes, gesandt; von hier aus werden die Blätter mittels Druckluft zu den in Frage kommenden Fernschrankarbeitsplätzen geschickt und von letzteren durch Saugluft an die Zentrale zurückgeleitet oder zu einer besonderen Sammelstelle für erledigte Zettel befördert.

Es befinden sich demnach Saugluftsender an allen Melde- und Fernschränken, Druckluftsender jedoch nur an der Leitstelle; Saugluftempfänger sind an letzterer oder, bei allenfallsigem Unmittelbaranschluß der Fernschränke nach einer Sammelstelle der Rückzettel, lediglich bei letzterer vorhanden. Mit Druckluftempfängern werden die Fernschränke und sonstige mit der Rohrpostzentrale verbundene Arbeitsplätze ausgerüstet. Die aus Messing gezogenen Rohre, beispielsweise von 1,2 mm Wandstärke, haben innen 7 cm Breite und 1 cm Höhe; sie erhalten in Abständen von rund 10 m sogenannte Kontrollöffnungen (für Reinigungs- und Störungsbehebungszwecke). Die längste Stationslinie ist gewöhnlich 100 m. Der durch eine Rotationspumpe, z.B. durch ein Rootsches Gebläse, dauernd erzeugte Luftstrom wird in einigen Fahrrohren als Druckluft (von etwa 0,03 bis 0,06 Atm. Ueberspannung), in anderen als Saugluft (von etwa 0,93 bis 0,97 Atm. über Null) zum Befördern verwendet. Der Antrieb des Gebläses erfolgt in der Regel durch einen Elektromotor, etwa von 220 Volt und von rund 2 bis 4 PS. Die vom Gebläse als Hauptrohre abzweigenden kreisrunden Druck- und Saugleitungen (z.B. von 170 mm) führen zuweilen über Puffer, insbesondere für den Kompressionsbetrieb; für letzteren ist ein Sicherheitsventil, allenfallsiger Ueberspannungen wegen, im Gebrauch, wogegen nächst dem Saugstutzen ein Hilfslufteinlaßventil notwendig ist, um bei geringem Rohrpostverkehr (von den Saugsendern des Fernamtes aus) oder bei zufälligen Verstopfungen in den Saugleitungen vorübergehend die für den Kompressionsbetrieb erforderliche Luft ganz oder teilweise aus der freien Atmosphäre nächst des Maschinenraumes schöpfen zu können.

Bei allen Saugleitungssendern des Fernamtes sind übrigens besondere Weitenregelungen zum Einstellen der Luftzugwirkungen vorgesehen. Manometer, Anlaßvorrichtungen, Maschinenreserven u.s.w. ergänzen die Kraftstation.

Vom Luftverteiler der Rohrpostzentrale zweigen die Flachrohre gruppenweise ab; es entsprechen einem großen Saugsammelrohr rund 20–30 Fährlinien des Gleichzeitigkeitsverkehrs; dagegen können mittels Druckluft in der Regel nur zwei bestimmte Dienststellen miteinander in Verbindung treten.

[678] Die Gesprächsanmeldeblätter, möglichst trockenen Papiers stets gleichen Formats (z.B. von 13 cm bezw. 161/2 cm Länge und. von 6,5 bezw. 6,2 cm Breite), werden nicht in Büchsen, sondern einzeln in den rechteckigen Flachrohren derart befördert, daß jedes Blatt längs einer Querlinie (etwa auf 10 cm Hauptlänge) umgefaltet, lose in das Rohr gelegt und von ununterbrochen strömender Luft wie ein Segel mitgenommen wird; die Förderluft greift hinter das umgebogene Ende des Blattes und drückt dieses leicht gegen die obere Rohrwandung. Die Sendungen legen einen Weg von 5 bis 15 m in der Sekunde sowohl beim Betrieb mit verdichteter Luft als auch bei Vakuumfahrten zurück (Fahrgeschwindigkeitsmittelwert rund 10 m/Sek.).

In Fig. 1 ist eine für Druckluftbetrieb eingerichtete Fahrrohrlinie dargestellt, links ist der Sender, rechts der Empfänger gezeichnet (Bauart der Telephonapparatfabrik E. Zwietusch & Co., Berlin-Charlottenburg). Die Apparate sind derart in die Platte des Verteilertisches der Rohrpostzentrale bezw. in die Fernschränke eingelassen, daß nur ihre Mündungsöffnungen sichtbar sind; es laufen die Fahrrohre in Kanälen unterhalb des Fußbodens entlang und steigen in schlanken Kurven zu den Apparaten empor. Das Kartenbefördern geschieht beim Kompressionsbetrieb in folgender Weise: Nachdem das Gesprächsanmeldeblatt mit dem umgefalteten Ende voran (gemäß der Pfeilrichtung) in den Sender gefleckt worden ist, wird durch kurzes Niederpressen des Knopfes T1 die Klappe K1 der Druckluftleitung mechanisch geöffnet; die Kompressionsluft tritt in das Fahrrohr ein, schließt die leichte Verschlußklappe K2 der Einwurföffnung, sich damit selbst den Weg ins Freie versperrend, und treibt das Meldeblatt fort. Letzteres gelangt in den Empfänger beispielsweise des Fernleitungstisches. Durch die erwähnte Pressung auf den Knopf T1 beim Absenden wird nicht nur die Druckluftklappe K1 mechanisch geöffnet, sondern auch ein elektrischer Stromschluß hergestellt, der die Signallampe L zum Erglühen bringt und den Elektromagneten M betätigt; letzterer hält während der Beförderung die Druckluftklappe K1 ständig offen. – Bevor die Gesprächsanmeldekarte die Oeffnung des Empfängers verläßt, lüftet sie durch Hochheben der Nase V für einen Augenblick den Kontakt U2 des Stromkreises, worauf beim Sender der Magnet M den Hebel der Druckklappe K1 losläßt; diese schließt sich demnach, und die Signallampe L erlischt, ein Zeichen, daß die Sendung ordnungsgemäß angekommen ist. Sollte der Druckknopf T1 infolge eines Versehens herabgedrückt werden, ohne daß sich eine Sendung im Rohre befindet, so würde die Druckklappe K1 ununterbrochen offen bleiben. Um dies zu verhüten, ist ein zweiter Druckknopf T2 angebracht, der eine Unterbrechung des Stromkreises und somit auch das Schließen der Druckklappe K1 manuell ermöglicht. Fig. 2 zeigt eine für Saugluftbetrieb eingerichtete Fahrrohrlinie. Die Sender sind in die Tischplatte der Melde- und Fernschränke eingelassen und in Reihen derart angeordnet, daß z.B. ein Sender für je zwei benachbarte Beamtinnen gemeinsam verfügbar ist; die Vakuumsender münden mit schräg abfallender Bahn in das Fahrrohr und sind mit je einem leichten Deckel versehen, der sich durch seitliches Verschieben mit der Hand öffnen läßt; nach diesem Freilegen des Senders wird das Papierblatt mit dem umgefalteten Ende voran in das Rohr gelegt und darauf der Deckel wieder geschlossen. Das Gesprächsblatt gelangt in den mit der Saugleitung verbundenen Empfänger und wird dort mittels eines Walzenpaares, das von einem kleinen Elektromotor (1/4 PS.) bewegt wird, ausgeworfen. Bei größeren Zentralen arbeiten meist zwei Motoren auf einer gemeinsamen Welle (Zahnradübersetzung). Während die Betriebskosten für Zettelrohrposten im allgemeinen gering sind, gestaltet sich deren Bau verhältnismäßig teuer; etwa 25–30 ℳ Herstellungsaufwendungen wurden schon vor dem Kriege 1914/18 pro laufenden Meter Leitung (einschließlich apparaten- und maschinentechnische Einrichtungen) bei ausgedehnten Netzen gerechnet.

Zum Vergleich der Herstellungskosten sei folgendes erwähnt: Bei Zettelrohrposten rechnete man in Deutschland von 1910 bis Kriegsausbruch 1914 beispielsweise für 1000 m Rohranlagen mit 5 (zentralisierten) bezw. 50 (verteilten) Saugluftempfängern bezw. Sendern und je 50 Kompressionssendern und -empfängern (vereinigt bezw. einzeln angeordnet) einschließlich elektrisch betätigter Luftpumpenanlage (nebst Zubehör), Instandhaltungswerkzeuge u.s.w.[679] rund 25000–30000 ℳ wovon auf die rechteckigen, gezogenen Messingrohre (mit durchschnittlich 7–9 ℳ pro laufenden Meter auf geradlinigen Strecken und 40–75% Preisaufschlag für die flach- bezw. hochkant vorgenommenen Biegungen, Rohrdrehungen u.s.w.) je nach den örtlichen Verhältnissen schätzungsweise 1/3–1/2 des Gesamtaufwandes trafen. Für die Lieferung und Montage von Sang- bezw. Druckluftsendern (mit mechanischem Verschluß bezw. elektrischer Auslösung) veranschlagte man rund 30–40 ℳ pro Stück, für je einen Walzenvakuum- bezw. pro Kompressionsbetriebsempfänger (mit Unmittelbarauswurf) ungefähr 400 bis 500 ℳ (ohne Gestell, Motoren, Verkleidung u.s.w.) bezw. 15–20 ℳ. Diesem Aufwand standen, gleichfalls in der Vorkriegsvaluta gemessen, stündlich rund 1/2–1 ℳ technische Betriebsdirektkosten (einschließlich Unterhalt) gegenüber.

Die Rohr- und Seilpostanlagen-G. m. b. H. (Mix & Genest), Schöneberg-Berlin, hat ein neues Zettelrohrpostsystem (D.R.P. Nr. 301487 von 1919) entworfen, dessen Konstruktion auf rein pneumatisch-mechanischen Prinzipien aufgebaut ist und dessen Empfangs- und Absendeeinrichtungen lediglich aus den offenen Rohrenden (mit davor befindlichen Drahtauffangbügel) bestehen. Es sind bei dieser Bauweise mangels elektrischer Betätigung der Apparate keinerlei elektrische Leitungen und Stromquellen im Betrieb der Sender oder Empfänger, wodurch sich Bau- und Betriebskostenersparnisse ergeben; ferner besteht bei der Mix & Genetischen Schaltung die Möglichkeit, ein und dasselbe Rohr für Hin- und Rücksendung zu benutzen. Beim letzterwähnten System ist eine Preßluftdüse in das Förderrohr eingebaut, in diesem den zum Befördern der Zettel nötigen Luftstrom erzeugend. Das Förderrohr besitzt gemäß Fig. 3 eine Verengung, vor welcher sich die an die Druckluft angeschlossene Düse befindet. Der Luftstrom fließt durch die Mitte der Verengung und reißt die im Förderrohr eingeschlossene Luft mit. Infolgedessen befindet sich in dem vor der Düse befindlichen Rohrstück eine Luftverdünnung, während auf der entgegengesetzten Seite die Luft verdichtet wird. Die Anordnung bietet demnach die Möglichkeit, beide Rohrenden während des Betriebes offenzulassen. (Keine besonderen Apparate für Absendung und Empfang.) Damit im gleichen Rohr nach beiden Richtungen geschickt werden kann, finden zwei der Verengung gegenüberliegende Düsen Anwendung (vgl. Fig. 4, S-förmig gekrümmtes Förderrohr zur Ermöglichung glatten Zetteldurchganges; die Achsen der Düsen bilden mit der Mitte der Verengung des Rohres eine gerade Linie). Je nachdem die erste oder die zweite Düse in Betrieb gesetzt wird, durchströmt die Treibluft das Rohr in der einen oder anderen Richtung. Um einen möglichst wirtschaftlichen Betrieb der Anlage zu erreichen, wird mittels besonderer Stationsventile die Druckluft nur so lange eingeschaltet, als sie zum Befördern des Zettels notwendig ist. In Fig. 5 ist eine nach dem Mix & Genetischen System ausgeführte Anlage im Prinzipschema dargestellt. Zum Betriebe ist eine kleine Druckluftpumpe vorgesehen, die in Verbindung mit einem Luftbehälter steht, in dem die auf rund 2 Atm. abs. gespannte Luft aufgespeichert wird. Bei einem Ueberdruck von etwa 1 Atm. wird beispielsweise an der Düse eine Druckspannung von 80 mm und ein Vakuum von etwa 70 mm Wassersäule erzeugt. Bei Erhöhung der Spannung der Preßluft steigt in ungefähr gleichem Maße der im Förderrohr erzeugte Druckunterschied, dessen Zunahme auf der Druckseite etwas wirksamer ist als auf der Vakuumseite (Proportionalität der erzeugten Druckdifferenz mit der Größe des Querschnittes). Je nach Bemessung der Anzahl der Düsenöffnungen, je nach Gestaltung deren Querschnitte und je nach der Festlegung der primären Luftspannung hat man es in der Hand, die erforderliche Druckdifferenz für die Betriebsluft ökonomisch einzustellen und sie den jeweiligen Rohrlängen anzupassen.

Die Pumpe besitzt einen Druckregler, durch den ein Leerlauf der Pumpe bewirkt wird, sobald die erforderliche Luftspannung erreicht ist. Der Leerlauf der Pumpe hält so lange an, bis die Spannung der im Druckluftbehälter befindlichen Luft unter das Durchschnittsmaß gelangt ist. Der Druckregler ist nur zurzeit starken Betriebes in Gebrauch zu nehmen. Zurzeit schwachen Verkehrs würde die Pumpe meist unnötig lang leer laufen; für diese Zeit ist daher eine selbsttätig wirksame Anlaßvorrichtung für den Motor (durch ein Kontaktmanometer) vorgesehen. Wenn die erforderliche Spannung der Druckluft erreicht ist, werden Motor und Pumpe stillgesetzt. Sinkt die Spannung unter Normal, so erfolgt automatisch wieder die Maschineninbetriebsetzung. Die Maschinenanlagen für Zettelrohrpostanlagen in Fernsprechämtern müssen zur Vermeidung von Hörenden Geräuschen gewöhnlich in größerer Entfernung vom Telephonamtsraum, in der Regel im Keller aufgestellt werden. Hieraus ergeben sich verhältnismäßig lange Leitungen für die Kraftlust, die bei den mit Niederdruckgebläsen betriebenen Anlagen einen nicht unerheblichen Spannungsabfall zum Nachteil der Betriebsökonomie der Anlage verursachen. Dieser Nachteil fällt bei dem Mix & Genetischen Preßluftsystem fort, weil die Strömungsgeschwindigkeit bei dem geringen Bedarf an Preßluft so mäßig ist, daß der Spannungsabfall nur einen äußern geringen Betrag erreicht. Wegen Lieferungsfirmen s. den Artikel Hausrohrposten.


[680] Literatur: Schwaighofer, H., Rohrpollfernanlagen, München 1916. – »Helios« 1917, S. 58; Amtliche Beschreibung der Berliner Rohrpost, Berlin 1908, S. 42.

Schwaighofer.

Fig. 1 und 2.
Fig. 1 und 2.
Fig. 3–5.
Fig. 3–5.

http://www.zeno.org/Lueger-1904.

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