Wergspinnerei


Wergspinnerei

Wergspinnerei, mechanische [1], beruht im wesentlichen darauf, daß das Werg (Hede, étoupe, tow), also namentlich der Flachsabfall, welcher beim Hecheln entsteht (Hechelabfall, vgl. Flachsspinnerei, Bd. 4, S. 50), nach Art der Baumwolle gekratzt und in Bänder verwandelt, dann aber ähnlich wie der Flachs behandelt wird. Das Werggarn heißt nach dem englischen Ausdruck Towgarn, während das Garn aus Langflachs als Linengarn bezeichnet wird.

Behufs Vorbereitung für das Spinnen werden die stark mit Schabe verunreinigten groben Wergsorten zuerst einer Reinigung mittels Schiagens oder Schüttelns unterworfen (Wergreinigungsmaschinen). Die Hede wird entweder von sich rasch bewegenden Stiften erfaßt und an ruhenden Stiften vorbeigeschleudert (Schlagwölfe mit kegelförmiger Stiftentrommel, Oeffner) [2] oder in schonenderer Weise dadurch geschüttelt, daß sie, auf eine endlose Kette von sich langsam vorwärtsbewegenden Stiftenreihen gebracht, zwischen deren Zähnen durch von oben her wirkende längere Stifte hin und her geschlagen wird. – Die Reihe der ferneren Bearbeitungen ist folgende: 1. Kratzen; 2. Strecken und Doppeln; 3. Vorspinnen; 4. Feinspinnen. – Abweichend hiervon ist die in neuerer Zeit mehrfach in Aufnahme gekommene Verarbeitung des Werges unter Benutzung der Kämmaschine (einköpfige Heilmannsche, Listersche u.a., vgl. Kammgarnspinnerei, Bd. 5, S. 321), wodurch dasselbe zu feineren Nummern und zu einem dem Flachsgarne in bezug auf Gleichmäßigkeit völlig gleichwertigen Garne gesponnen werden kann.

1. Die Wergkarden, Kratzen oder Krempeln sind Walzenkrempeln mit entsprechend grobem Beschlage (ähnlich wie der der Jutekrempeln). – Ihre allgemeine Einrichtung läßt die umstehende Figur erkennen, welche einen lotrechten Durchschnitt wiedergibt. Das Werg wird auf drei nebeneinander laufende Speisetücher a aufgelegt und durch zwei Speisewalzen b der Trommel (Kardentambour) c zugeführt, auf welcher die gleichmäßige Verteilung durch sieben Arbeiter (workers) e und Wender (strippers) f in bekannter Weise erfolgt (vgl. Baumwollspinnerei, Bd. 1, S. 602). Auf die zweite Speisewalze folgt vielfach zum vollständigen [914] Entladen dieser Walze eine Speisewenderwalze d (débourreur fournisseur, feeding stripper), und man wiederholt wohl diese Anordnung in derselben Weise, indem man die Reihenfolge von Arbeiter und Wender für das erste Paar vertauscht. Das Abnehmen des Werges geschieht im gezeichneten Falle durch drei verschieden dicht angestellte Abnehmwalzen g (doffers). Der erste, am weitesten gestellte Abnehmer g1 nimmt die gröbsten und unreinsten Fasern, der letzte g3 die feinsten und reinsten. Das Ablösen der Bänder geschieht durch Hacker h, Abzugswalze k und Abzugsplatte l. Die Abnehmwalzen werden durch Bürstwalzen m gereinigt. Jeder Abnehmer hat, entsprechend der dreigeteilten Speisung, drei Abzugswalzen k, so daß im vorliegenden Falle neun Bänder erzeugt werden. Entweder nimmt man alle neun Bänder in dem seitlich befindlichen Streckkopfe (Rotarykopf, Zirkulargill oder Kettenstreckkopfe) zu einem Bande zusammen, oder man vereinigt die von g1 kommenden (also die unreinsten) für sich und die von jeder Abteilung von g2 und g3 kommenden wiederum zu einem Bande. Die Bänder werden in Kannen aufgefangen. Die Wergkratzen werden wie die Flachsanlegemaschinen mit einem Klingelwerke versehen, und die so erhaltenen Bänder von bestimmter Länge (Klingellänge) werden in richtiger Weise zu einem Ansatzgewicht kombiniert, welches die folgende Maschine weiterstreckt. Die Ablösung des wattenförmig in eine Fläche ausgebreiteten Werges von der kleinen Trommel geschieht bei den Vorreißkarden vielfach ohne Kamm durch zwei aufeinander liegende glatte, eiserne Walzen von etwa 50–75 mm Durchmesser. Nach dem Kamme oder den Abzugswalzen folgt eine trichterförmige, blecherne Rinne (shell, daher auch shellbreaker), in welcher die Watte (der Flor) beim Durchgange zur Bandgestalt zusammengedrängt und aus welcher das Band durch Streckwalzen hervorgezogen wird, um in untergesetzte Blechkannen hinabzufallen. – Die oben angedeutete Trennung der gesamten Kratzenbeschläge in mehrere Abteilungen der Breite nach hat man in neuerer Zeit wiederholt verlassen und teilt dann nur noch auf den Abnehmern, welche an den Trennungsstellen mit schmalen Blechringen bezogen sind. – Früher wandte man meist zwei Karden, Vor- und Feinkratze, nacheinander an, die in den Hauptpunkten ihrer Bauart übereinstimmten, während man sich neuerdings fast stets mit einem einmaligen Kratzen (Krempeln, Kardieren) begnügt, indem man der Krempel weniger Spinngut in derselben Zeit zur Verarbeitung übergibt (leichter kardiert). Bei der Vorkratze (briseur, breaker, breaking card) wird das Werg aus freier Hand auf ein endloses Zuführtuch vorgelegt. Der Feinkratze (finisseur, finisher, finishing card, welche einen Beschlag von etwas feineren Häkchen hat) werden die von der Vorkratze gelieferten Bänder dergestalt übergeben, daß man zehn bis zwanzig derselben für die ganze Breite der Maschine zusammenlegt. Um die regelmäßige Nebeneinanderlegung und Vereinigung dieser Bänder vor ihrem Eintritte auf die Kratze zu sichern, hält man es wohl für zweckmäßig, dieselben vorher auf einer Bandvereinigungsmaschine (Dupliermaschine, lapping machine), zu einem Wickel von der bestimmten Breite zu verbinden; häufiger setzt man aber die Kannen der Vorkratze, wenn zweimal gekratzt werden soll, der Feinkratze vor, die dann ebensolchen Zuführungstisch wie erstere hat. – Für die gröbsten und unreinsten Wergsorten, für das Auflösen alter Seile, Flachsbänder und Abfälle aller Arten wendet man zum Vorreißen besondere Maschinen an, welche verschiedene Bezeichnungen, wie Reißwolf, Teufel, Vorreißer (teazer) u.s.w., führen. – Sind die verarbeiteten Wergsorten so gut, daß sie ein doppeltes Krempeln nicht erfordern, wird aber dennoch durch einfaches Krempeln ein zu geringes Band erzeugt, so ist es zweckmäßig, die Bänder der oberen Abnehmwalze (g1 der Figur) von den andern zu trennen und die ersteren entweder einem nochmaligen Krempeln zu unterziehen oder sie zu einer gröberen Garnnummer zu verwenden. – Bezüglich der Leistung der Krempeln muß hervorgehoben werden, daß das leichte Kardieren mehr und mehr in Aufnahme kommt; während man früher durch eine Dreiabnehmerkrempel (von 1,5 m Trommeldurchmesser und 1,83 Beschlagbreite) täglich bis zu 500, ja 600 kg hindurchtrieb und damit bis zu acht Spinnmaschinen bediente, verlangt man jetzt von den Zweiabnehmerkrempeln nur täglich 150–250 kg, versieht also nur noch drei Spinnmaschinen mit einer Krempel. Die Krempeln werden zweckmäßig überdeckt. Für das Absaugen des Staubes bedient man sich besonderer Lüftungseinrichtungen [3].

2. Das Strecken und Doppeln. Es wird auf zwei oder drei nacheinander folgenden Streckmaschinen (Wergdurchzügen) wesentlich ganz in der Art wie beim Langflachse vorgenommen, nur ist die Streckweite (reach) entsprechend geringer, 250–300 mm.

3. Das Vorspinnen und 4. das Feinspinnen. Beide Arbeitsvorgänge gleichen, sowohl was die Ausführung als die Art der dazu dienenden Maschinen betrifft, dem Vor- und Feinspinnen des Flachses. Wenn das Werg trocken oder mit kaltem Wasser genetzt versponnen wird, so beträgt der Abstand zwischen den vorderen und hinteren Streckwalzen an der Feinspinnmaschine (von Mittelpunkt zu Mittelpunkt gemessen) 120–250 mm, je nach der Länge des Werges; spinnt man aber mit heißem Wasser, so werden die Walzen einander auf ungefähr 70 mm nahe gesetzt. – Das Werg erleidet im Kratzen und Spinnen durchschnittlich etwa 20% Abfall, so daß 100 kg, wie sie von der Hechel kommen, schließlich 80 kg Garn liefern; die feinsten und reinsten Wergsorten geben wohl 90 vom Hundert. – Zur Erzeugung dicker Garne aus der Schwing- und Abfallhede bedient man sich häufig eines besonderen Maschinensatzes[915] für Abfall, bestehend in einer Krempel mit einer Trommel von 1,25 m Durchmesser, 1,83 m Breite und mit Streckkopf, dann folgt eine Streckmaschine mit drei Köpfen zu je sechs Bändern und hierauf eine Hechelspinnmaschine (gillspinning) oder Spindelbankspinnmaschine (roving-gillspinning). – Die Hechelspinnmaschinen, besonders die zu den gröbsten Nummern (bis Nr. 11/2), sind bis zu den Streckwalzen, ebenso wie eine Vorspinnmaschine, und von da in bezug auf die Spindeln wie eine Feinspinnmaschine gebaut, haben also nur eine Reihe Spindeln und gebremste Spulen, während der besondere Spulenmechanismus fehlt. Die zweite Art der Feinspinnmaschinen, die häufiger angewendet wird, ist ebenso wie eine Vorspinnmaschine gebaut, nur sind die Geschwindigkeiten der Spindeln und die möglichen Drehungen auf die Längeneinheit bedeutend größer als die bei den Vorspinnmaschinen. Bei Anwendung von Hechelspinnmaschinen fehlt also im Maschinensätze die Vorspinnmaschine, und es folgt auf die letzte Streck- die obige Maschine. – Zusammenstellungen von Maschinensätzen finden sich in [1]. – In neuerer Zeit werden auch die Kardenabfälle, die Feinspinn- und Fadenabfälle nach gehöriger Aufbereitung wieder nach dem Streichgarnverfahren (vgl. Streichgarnspinnerei, S. 368) zu Fäden versponnen [4], derart, daß ein Zweikrempelsatz (Reißkrempel und Vorspinnkrempel) und eine Spinnmaschine verwendet werden. Letztere ist entweder ein Selbstspinner oder eine sogenannte Doppeldrahtfeinspinnmaschine, wie sie namentlich von Oscar Schimmel & Co., der Sächsischen Maschinenfabrik und von C. Oswald Liebscher in Chemnitz i. S. gebaut werden. Bei diesen werden die von den Holzspulen der Vorspinnkrempel abgezogenen Wickel in rotierende Kapseln gelegt und aus diesen abgezogen, um durch ein Ringspinnsystem fertig gesponnen zu werden. Zur entsprechenden Vorbereitung werden die Wergabfälle wohl auch gewolft und geschlagen, dann zwecks Degummierung und Kräuselung der Fasern in Bädern chemisch behandelt, gespült, geschleudert, gewolft, getrocknet und dann erst nach Art des Streichgarns in üblicher Weise versponnen [5].


Literatur: [1] Marshall-Rechenberger, Der prakt. Flachsspinner, Weimar 1888; Müller, E., Handbuch der Spinnerei, Leipzig 1892, S. 277; Sharp, Flax, Tow and Jutespinning, Dundee 1896; Annales ind., 1894, S. 146, 171. – [2] Hartig, Versuche über den Kraftbedarf der Maschinen in der Flachs- und Wergspinnerei 1869, S. 80. – [3] Leipziger Monatsschr. s. Textilindustrie 1897, S. 258; 1901, S. 646; 1902, S. 752; 1903, S. 302; Zeitschr. f. Gewerbehygiene, Wien 1905, S. 11; 1906, S. 370; 1908, S. 182; 1909, S. 205. – [4] Leipziger Monatsschr. s. Textilindustrie, 1909, S. 33. – [5] D.R.P. Nr. 198064 und 149708.

E. Müller.

Wergspinnerei

http://www.zeno.org/Lueger-1904.

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