Weberei [2]


Weberei [2]

Weberei. Die Neuerungen, welche in der letzten Zeit beim Bau der Webereimaschinen vorgenommen worden sind, beziehen sich hauptsächlich auf die Erhöhung der Leistungsfähigkeit.

So hat man die Spulmaschinen mit sehr rasch wirkenden Fadenführern ausgestattet; zur Umgehung des Aufspulens hat man ein besonderes Zettelverfahren ausgebildet (s. weiter unten). Bei den Webstühlen mit selbsttätiger Schußspulenauswechslung (Northropstühlen, Dauerstühlen, Automaten) hat man den früher üblichen Revolverapparat durch einfachere auswechselbare Lader ersetzt (vgl. Fig. 1) [1]. Der Lader nimmt eine große Anzahl Schußspulen auf, von denen jede von einem besonderen Halter getragen und infolge ihres Eigengewichts dem Wechselapparat gleitend zugeführt wird. Die leeren Spulenhalter gleiten nach erfolgtem Spulenwechsel auf dem im Stuhle befestigten, geschweiften Gleitblech weiter und legen sich alsdann auf dem auf der Vorderseite des Stuhles bereitgestellten Lader auf. Die Schußhülsen dagegen fallen in einen unter dem Wechselapparat[844] aufgestellten Behälter. Die auswechselbaren Lader werden außerhalb des Websaales gefüllt und können ohne Betriebsunterbrechung an Stelle des leer gewordenen Laders auf die Stühle aufgesteckt werden. Der Weber selbst hat sich somit nicht mehr mit dem Einlegen der Schußspulen zu befassen, welche Arbeit durch billigere Kräfte besorgt werden kann. Dieser kann vielmehr seine volle Aufmerksamkeit den Stühlen widmen und infolgedessen eine größere Anzahl solcher bedienen (bis einige 20). Die normale Geschwindigkeit solcher Automaten beträgt bei 100 cm Blattbreite bis zu 185 Umdrehungen in der Minute.

Fig. 2 zeigt die Einrichtung einer einzelnen Spule einer Schußspulmaschine, Patent Brüggemann [2], wie sie von W. Schlafhorst & Co. in M.-Gladbach ausgeführt wird. Die zu bewickelnde Spule a wird von unten her mittels Zahnräder oder dergl. angetrieben und stützt sich auf den Führungskegel b, die Legung des Fadens c in die Kreuzwindungen wird durch den umlaufenden und leicht verstellbaren Fadenführer d in der ersichtlichen Weise hervorgebracht. Bei andern Kreuzschußspulmaschinen von Herm. Schroers in Krefeld erfolgt die Fadenlegung durch Schlitztrommeln, die jedoch dabei nicht direkt mit der Spule in Berührung kommen, um diese in Drehung zu bringen, sondern es werden die Spulenspindeln zwangläufig von ihren zugehörigen Fadenführertrommeln angetrieben, so daß die Fadenlage in der ganzen Spule durchaus gleichmäßig bleibt.

Bei den zylindrischen Kreuzspulmaschinen hat man die Anordnung auch so getroffen, daß die zwei Hin- und Hergänge des Fadens verschieden groß sind. Erreichen läßt sich das z.B. [3] dadurch, daß die Fadenführerexzenter aus einer Doppelkurve zusammengesetzt sind. Man wickelt also abwechselnd eine längere und eine kürzere Fadenschicht und erreicht dadurch, daß die Endwindungen zweier aufeinanderfolgender Fadenschichten nicht genau aufeinander liegen, sondern nebeneinander. Die Spulen bekommen dadurch weichere Flanken, die beim Färben und Bleichen ein leichteres und gleichmäßigeres Eindringen der Farbflotten u.s.w. gestatten.

Das Zettelverfahren wird in neuerer Zeit zur Umgehung des Aufspulens nach Feßmann & Hämmerle ausgeführt, indem die Fäden unmittelbar von den Kötzern geschert werden. Da die Fadenlänge der einzelnen Kopfe zu gering ist und ein ständiges Erneuern zu viel Stillstände und Abfälle ergeben würde, sind in den Spulengestellen, dem Rahmen der Schermaschine, gleich die 300–600 Kopfe auf um ihre Achse drehbarem Spulenhaltern mit umklappbaren Spindeln untergebracht, die alle mit ihrer Spitze nach einer gemeinsamen Ablaufstelle zeigen. Die drei Kopfe je eines Halters sind derartig unter sich verknüpft, daß das Ende des laufenden Kopfes mit dem Anfang des nachfolgenden verbunden wird und des letzteren Ende wieder mit dem Anfang des dritten Kopfes. So können leergelaufene Hülsen beständig ohne Störung des Fadens durch neue ersetzt werden. Fig. 3 läßt die Einrichtung nach der Bauart Schlafhorst & Co. erkennen, wobei noch auf den mechanischen Knoter Barberknoter, Weberknoter u.s.w. und auf die Spann- und Reinigungsvorrichtung für den einzelnen Faden aufmerksam gemacht wird.

Der Ersatz der Handandreherei der Kette durch Maschinenarbeit ist in neuester Zeit durch Ketten-Anknüpfmaschinen ermöglicht. Die nachfolgende Beschreibung bezieht sich auf die von Barber & Colman, G.m.b.H. in München, in Deutschland eingeführte Maschine. Das Prinzip dieser Maschine geht wie beim Andrehen von Hand dahin, die Kettfäden der alten Kette mit denen der neuen zu verbinden. Sie erzielt dies allerdings nicht durch Dreher, sondern durch regelrechte Knoten, die den Vorteil haben, sich nicht aufzuziehen.

Fig. 4 zeigt die vollständige Anlage, links den Lader, über ihm hängt der obere bewegliche Keilrahmen mit Transporteur, der mit der eingeklemmten Kette an einer Fahrschiene vom Lader aus zur eigentlichen Maschine vorgeschoben wird. In derselben Flucht mit dem Lader steht rechts das Maschinenbett, darauf befestigt der feststehende untere Keilrahmen. Auf dem Bett befindet sich der eigentliche Knüpfmechanismus, der sich schlittenartig zwischen den oben genannten Keilrahmen weiterschaltet. Vor dem Maschinenbett sind zwei auf Schienen ein- und ausfahrbare Kettgestelle zur Aufnahme der neuen Ketten angeordnet.

[845] Die Vorbereitung für das Knüpfen ist folgende:

Der Reit der alten Kette – mit Geschirr und Blatt – wird, um eine gleichmäßige Parallellage der Kettfäden herbeizuführen, auf dem Lader vorgerichtet, ausgebürstet und dann in den über der Maschine hängenden beweglichen Keilrahmen eingespannt. Der Keilrahmen geht dann mittels eines Gegengewichtes hoch. An das Maschinenbett ist inzwischen eines der beiden Kettfahrgestelle – mit einem neuen Baum versehen – herangeschoben worden, die neue Kette, deren Parallellage mittels einer Plüschkluppe gesichert ist, wird über einen ähnlichen, aber feststehenden, auf dem Maschinenbett angebrachten Keilrahmen gelegt und festgeklemmt. Nun wird der Transporteur mit der alten Kette über die auf dem Maschinenbett liegende neue Kette geschoben, der obere Rahmen senkt sich auf das Maschinenbett, und die beiden Ketten liegen nun übereinander, die neue Kette fest im unteren, die alte Kette mit dem Geschirr im oberen beweglichen Keilrahmen. – Nachdem den Ketten die nötigen Spannungen gegeben worden sind, wird der Knüpfmechanismus an sie herangeführt und durch Einschalten eines kleinen elektrischen Motors in Bewegung gesetzt. Derselbe schaltet sich nun vollständig selbsttätig durch die beiden Ketten hindurch, wobei zwei Nadeln mit großer Sicherheit je einen Faden oben und unten ergreifen, dem Abteilschlitten und Knüpfmechanismus zuführen, welcher sie zu einem regelrechten festgezogenen und kurzbeschnittenen Knoten verbindet. Während die Maschine ohne weitere Bedienung von seiten des Wärters anknüpft und weiterläuft, kann das nächste Geschirr auf dem Lader vorbereitet und die dazugehörige Kette in das zweite Kettfahrgestell eingelegt werden. Ist die erste Kette fertig angeknüpft, so wird sie im Fahrgestell nach außen geschoben, das andere Fahrgestell dagegen mit der zunächst anzuknüpfenden Kette an die Maschine herangeschoben und das Geschirr vom Lader ebenfalls an letztere herangeführt, so daß die Maschine sofort wieder ihre Tätigkeit aufnehmen kann. Die fertig angeknüpfte Kette kann in die Weberei geschafft werden, sobald Geschirr, Kamm und eventuell Lamellen, und zwar noch auf dem Kettfahrgestell, über die Knüpfstelle herübergezogen sind.

Fig. 5 zeigt den Knüpfmechanismus auf seinem vom Maschinenbett abgenommenen Schlitten, links den Absteck-, Schalt- und Knotenmachermechanismus, rechts den kleinen Gleichstrommotor als Antrieb. Auf seiner Welle sitzt zugleich ein Absaugventilator, angebaut daran ein Abfallsammler. Weitere Einzelheiten sind beschrieben in [4]. In Deutschland baut die Firma Gentsch in Glauchau ebenfalls Kettenandrehmaschinen [4a].

Um auch die letzte umfangreichere Handarbeit in den Webereien durch Maschinenarbeit zu ersetzen, hat man schließlich Ketteneinziehmaschinen gebaut (American Warp [846] Drawing Machine Co., Boston) [5]. Ihre Anwendung läßt gewünschtenfalls die Andreherei ganz umgehen. Sie sind ausgeführt bis zu rund 300 cm Geschirrbreite und arbeiten in einem Zuge durch 6 Schäfte und Riet oder durch drei Reihen Kettenfadenwächter, 5 Schäfte und Riet sowohl auf einfarbige Ketten aus der Kluppe, wie auf bunte Ketten aus dem Fadenkreuz.

Neuere Werke über Weberei vgl. [6].


Literatur: [1] Zeitschr. d. Ver. deutsch. Ing. 1911, S. 498. – [2] D.R.P. Nr. 231800. – [3] D.R.P. Nr. 258226. – [4] Leipziger Monatschr. s. Textilindustrie 1912, S. 319. – [4a] Oesterr. Wollen- und Leinenindustrie 1909, S. 445. – [5] D.R.P. Nr. 111202, 152622, 184475, 265674. – [6] Both, Bandweberei, 2. Aufl., Leipzig 1912. Bratkowski, Handbuch der Baumwollweberei, Berlin 1912. Donat, Technologie, Bindungslehre, Dekomposition und Kalkulation der Jacquard-Weberei, Wien-Leipzig 1912. Glafey, Die Textilindustrie, Die Herstellung textiler Flächengebilde, Leipzig 1913. Gräbner, Die Weberei, Leipzig 1913. Sammelwerk: »Handbuch der gesamten Textilindustrie«, Bd. 2 und 3, Leipzig 1913. Schams, Handbuch der Weberei, 5. Aufl., Leipzig 1914. Murphy, The Textile Industries, Vol. 4–7, London 1910/11. Lindner, Spinnerei und Weberei, Karlsruhe und Leipzig 1914.

Ernst Müller.

Fig. 1.
Fig. 1.
Fig. 2., Fig. 3.
Fig. 2., Fig. 3.
Fig. 4.
Fig. 4.
Fig. 5.
Fig. 5.

http://www.zeno.org/Lueger-1904.

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  • Weberei — We·be·rei die; , en; eine Fabrik oder Werkstatt, in der Stoffe oder Teppiche hergestellt werden …   Langenscheidt Großwörterbuch Deutsch als Fremdsprache

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