Tonwaren [2]


Tonwaren [2]

Tonwaren. – In Bd. 8 der zweiten Auflage ist die Klassifikation der großen Zahl der hergestellten Erzeugnisse aus Tongut und aus Tonzeug beschrieben worden. Diese Einteilung hat als Grundlage Wasseraufnahmebestimmungen, die mit einer großen Anzahl gemeiner und seiner Tongut-, feuerfester, seiner und gemeiner Steingut-, gemeiner und seiner Steinzeug- und gemeiner und seiner Porzellanzeugwaren im Friedrichsfelder Laboratorium durch Otto Hoffmann gemacht wurden.

Gemeines Tongut und gemeines Steinzeug. Mitte des 18. Jahrhunderts entstand in England die moderne Kanalisationstechnik. London baute in den vierziger Jahren des[801] 18. Jahrhunderts die ersten großen Entwässerungsanlagen unter Verwendung von im Lande hergestellten Tongutröhren. In Deutschland war es Mitte der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zunächst Hamburg, welches dem englischen Beispiele folgte und noch bis zum Jahre 1893 englische Tongutröhren für seine Kanalisation bezog. (Im Jahre 1894 wurde als erstes deutsches Fabrikat Friedrichsfelder salzglasiertes Kanalisationssteinzeugmaterial in Hamburg eingeführt.) Nach Hamburg folgten dann in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Frankfurt a.M., Stettin, Danzig, Berlin und Breslau mit der Anlage größerer Kanalnetze. Hierzu wurden anfänglich englische und später deutsche Tongutröhren (vgl. Bd. 8, S. 558) verwendet. Zwickau in Sachsen will mehrere Jahre nach der im Jahre 1845 erfolgten Gründung der Fabrik, also angeblich zu gleicher Zeit wie die Engländer, Kanalisationstongutröhren mit Silikatglasur, wie solche heute noch von dort in den Handel gebracht werden, hergestellt haben, während Bitterfeld und Frechen, englisches Kanalisationsmaterial nachahmend, erst 1863 Tongutröhren zu fabrizieren und zu liefern begannen. Die in »Segers gesammelte Schriften von 1896« beschriebenen englischen, österreichischen und deutschen Kanalisationsröhren der Wiener Weltausstellung 1873 waren keine sogenannten gemeinsamen Steingut- resp. Steinzeugfabrikate, sondern, wie noch Anfang der neunziger Jahre durch Prüfungen festgestellt wurde, Tongutfabrikate. Die ausgefeilten Röhren nahmen über 5 bis 12% und weit darüber Wasser auf, waren mit einer Blei-, Salz-, Lehm- und Silikatglasur – die Lehm- und Silikatglasur auch salzüberglasiert – versehen, weil diese Fabrikate infolge ihrer Massezusammensetzungen Salzglasur meistens gar nicht annahmen. Wenn von Fabriken heute noch behauptet wird, Salzglasur erzeuge man deshalb nicht, weil die Ofengewölbe bei dem Salzprozeß zu sehr leiden, so entspricht dies nicht den Tatsachen. Die Kanalisationswarenmasse nimmt vielmehr keine, jedenfalls keine gute Salzglasur an, denn nachgewiesenermaßen werden solche Fabrikate, wie schon gesagt, noch mit einer künstlich aufgetragenen salzüberglasierten Glasur versehen. Daß das Tongutrohr mit nicht gesintertem, feuerfestem und stark wassersaugendem Scherben sich von dem gesinterten, wenig saugenden Steinzeugscherben im wesentlichen nur dadurch unterscheidet, daß beim Brennen die Temperatur nicht ganz erreicht wurde, trifft nicht zu. Wäre dem so, so könnte aus jedem Tongutrohr ein Steinzeugrohr leicht hergestellt werden. Von den sachverständigen Verbrauchern wird in den letzten 20 Jahren nicht allein Wert auf die Form, sondern mit Recht vornehmlich auf das Dichtsein der Röhren, also auf Verwendung von Steinzeugröhren, gelegt. Die Friedrichsfelder Steinzeugfabrik brachte schieferblaues, basaltartiges Steinzeug erstmals auf den Markt. Der sachverständige Fachmann wird Tongutröhren mit dunkelgrauer Scherbenfärbung schon durch den Augenschein vom Steinzeugrohr unschwer unterscheiden können, so daß er der irrigen Ansicht nicht verfallen wird, daß jedes Tongutrohr mit grauem Scherben besser und widerstandsfähiger sei als ein solches mit gelbem, rotem, auch andersfarbigem Bruch. Wegen der falschen Bezeichnung »Steingutröhren 1873« s. gemeines Steingut, Bd. 8, S. 560.

Gemeines Steingut. Nach den neuesten Feststellungen glaubt man annehmen zu dürfen, daß Steingut mindestens so hoch gebrannt wird, bis die Kohlensäure aus dem Kalk entwichen ist. Wenn scheinbar ein Widerspruch darin besteht, daß solches Steingut aufbraust, so kann dies nur darauf beruhen, daß der Kalk nachträglich wieder Kohlensäure aus der Luft angezogen hat. Die Veltener Ofenkacheln, welche bekanntlich sehr viel Kalk enthalten, zeigen, frisch aus dem Ofen kommend, kein Aufbrausen, wenn die Vorsicht gebraucht wird, den Scherben vor der Säureprobe mit Wasser zu tränken, damit die Luftbläschen nicht täuschen. Eine ältere Kachel braust jedoch meistens auf, infolge Rückbildung von kohlensaurem Kalk.

Beschaffenheitsunterschiede zwischen Tongut- und Steinzeugröhren.

Der Zusammenhang zwischen der praktischen Dichte und einer Wasseraufnahmefähigkeit bis höchstens 5% nach der Kochprobe wurde für Steinzeugröhren durch Otto Hoffmann noch in der Weise ermittelt, daß die zu prüfenden Röhren innen und außen von der Glasur befreit wurden. Diese Röhren wurden dann am Muffenende mit einem Zementboden dicht verschlossen und bis 1 m Höhe (Baulänge des Rohres) mit Wasser gefüllt, in dem 0,072% Fuchsinrot gelöst war. Die oben fest abgedeckten Röhren blieben 14 Tage in einem Raum stehen, der auf konstanter Lufttemperatur und Feuchtigkeit erhalten wurde. Nach dieser Frist zeigten die Röhren bis 5% Wasseraufnahmefähigkeit gar keine Verfärbung, sie waren also praktisch dicht, während die Röhren mit über 5%, also mit einer größeren Wasseraufnahmefähigkeit, langsam oder schneller, schwach oder stärker durch die durchschlagende rote Flüssigkeit verfärbt waren.

Gemeines Steinzeug. Trotz der alten und bedeutenden Steinzeugindustrie, die wie im Krug- und Kannenbäckerlande noch an andern Orten des In- und Auslandes florierte, kannte man Kanalisationsröhren und große Gegenstände für die chemische Industrie aus gemeinem Steinzeug noch nicht. Die an den gedachten Orten gefundenen Steinzeugtone eigneten sich zur Herstellung großer Gegenstände nicht, und es schien lange Zeit, als stünden beispielsweise der Fabrikation von brauchbaren runden Röhren bis 1300 mm Durchmesser und der Herstellung von großen Gegenständen und Gefäßen für die chemische Industrie unüberwindliche technische Schwierigkeiten entgegen. Direktor Hoffmann ist es dann im Jahre 1893 in Friedrichsfeld in Baden gelungen, das salzglasierte, braune, dichte, elastische und säurebeständige Steinzeugmaterial, das allen Tongutwaren, sowohl für die Kanalisation als auch für die chemische Industrie, weit überlegen ist, zusammenzusetzen und herzustellen. Hoffmann resp. Friedrichsfeld dürfen für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, das Bedürfnis der chemischen Industrie erkannt und die Möglichkeit der Fabrikation großer, für die Praxis brauchbarer Steinzeuggefäße durch die Ausstellung eines 6000-Liter-Gefäßes von einer oberen Weite von 2000 mm, einer unteren von 1530 mm und einer Höhe von 2640 mm, alles im Lichten gemessen, auf der Weltausstellung in Paris 1900 erstmals praktisch bewiesen zu haben. Die bis dahin größten Gefäße,[802] aber aus Tongut, sind in Spanien zur Aufbewahrung von Oel oder Wein angefertigt worden. Sie haben einen Fassungsraum von ca. 41371 und werden im Museum der staatlichen Porzellan-Manufaktur von Sèvres jedem Besucher als Kuriosum gezeigt. Das hier in Rede stehende erste 6000-Liter-Steinzeuggefäß wurde seinerzeit von der Ausstellung weg an eine große französische Fabrik verkauft und abgeliefert. Nach dem System Hoffmann-Krüger einzelne Steinzeugringe dicht aufeinandergeschliffen und das Ganze dann eisenummantelt, hat Friedrichsfeld beispielsweise im Jahre 1901 einen Absorptionsturm von folgenden Abmessungen geliefert: lichte Weite 1300 mm, ganze Höhe 8500 mm, Inhalt 10600 l, Totalgewicht 9330 kg.

Nach neueren Untersuchungen muß jetzt angenommen werden, daß die Salzglasur dadurch entsteht, daß die Kochsalzdämpfe nicht, wie in Band 8, S. 560, beschrieben, allein auf die Kieselsäure des Tones wirken, sondern auf den Ton selbst. Es wird also kein Wasserglas-Natriumsilikat gebildet, sondern Natriumtonerdesilikat.

Feines Tongut. Hierher gehören die aus sogenanntem Feuerton erstmals aus England gekommenen Küchenausgüsse, Badewannen, freistehende Klosetts u.s.w. Diese Waren haben einen sich nicht weiß, wohl aber weißlich brennenden, über 5% bis weit darüber wassersaugenden Scherben, der mit einer über der weißen Engobe liegenden Glasur versehen ist. Wenn man aus der porösen Masse, woraus diese Gegenstände hergestellt werden, auch feuerfeste Gegenstände fertigt, so fallen die hieraus hergestellten Sanitätswaren nicht unter feuerfestes, sondern unter seines Tongut, denn auch hier entscheidet nicht der Wert und die Art des Rohmaterials, sondern der Verwendungszweck und die Art und der Wert der Herstellung und die Wasseraufnahmefähigkeit.

Die von den Römern an dem Orte ihrer Niederlassung aus dem vorgefundenen Tone, der sich nicht dicht rot brannte, angefertigten Gefäße, die im Scherben meist gelbe, poröse Gegenstände ergaben, wurden mit einer roten und durch entsprechend hohes Brennen glänzend gemachten Engobe versehen. Diese Gefäße wurden dann auch Terra-sigillata-Gefäße genannt, und zwar deshalb, weil sie rotglänzend aussahen, und nicht deshalb, weil die Reliefverzierungen und der Schmuck mit erhabenen Figuren Aehnlichkeit mit Siegelabdrücken hatten. Diese Gegenstände gehören, soweit sie über 5% Wasser aufnehmen, den seinen Tongutwaren an (vgl. Bd. 8, S. 559, unter Feines Tongut).

Feines Steinzeug. Hierzu gehört die nicht nur im Aussehen, sondern auch im Scherben rot-siegellackartige, dichte, glänzende, arretinische Terra-sigillata. Mit Terra-sigillata-Gefäßen bezeichnet man also solche, die nicht nur rotglänzend von außen aussehen, sondern die einen roten, siegellackartigen, dichten Scherben besitzen, wie solche unter anderm im Louvre in Paris in vielen Exemplaren vorhanden sind und wie solche auch beim Bau der Tonwarenindustrie Wiesloch gefunden wurden, und zwar nicht nur aus Römerzeiten, sondern auch aus späterer Zeit, und zwar in der Blütezeit der sächsisch-fränkischen Kaiser, 1000–1200 u. Chr. Es können jetzt, wie bekannt, derartige Gegenstände, deren samtartige, glänzende Oberfläche durch entsprechend hohes, oxydierendes Brennen erzeugt sein dürfte, nicht mehr hergestellt werden. Vielleicht gelingt es, die verlorengegangene Masse der echten Terra-sigillata aus geeignetem, feinst eisenoxydhaltigem, fettem, durch das Osmoseverfahren präpariertem Ton zu gewinnen.

Auf der Turiner Weltausstellung 1911 wurden von der Ziegelei Cadinen, bekanntlich unserm Deutschen Kaiser gehörend, sehr schöne silberbeschlagene Gefäße, Schalen u.s.w. ausgestellt, die, rot-siegellackartig glänzend, wunderschön aussahen. Diese Gefäße waren anscheinend aus dem sich hellrot brennenden Cadiner Ton hergestellt und mit einer farblosen Glasur überzogen, wodurch der darunterliegende Scherben dunkelrot wie echt glänzende Terra-sigillata erschien, die zu dem seinen Steinzeug, ihrer Dichte wegen, zählt.

Otto Hoffmann.


http://www.zeno.org/Lueger-1904.

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