Tekton [2]


Tekton [2]

Tekton ist ein künstlicher Baukörper, bestehend aus einer Grundmasse, in welche mittels eines besonderen Kittes Holzeinlagen nach ihrer Längsfaser untrennbar fest eingebunden sind.

Die Grundmasse setzt sich aus dem Bindemittel und den Füllstoffen zusammen. Das Bindemittel ist sogenannter Sorel-Zement; die Füllkörper bestehen aus Sägespänen und Sand. Die Holzeinlagen sind gewöhnliche Kleinschnittwaren, doch können auch Schilfröhren oder andre langfaserige Stoffe Verwendung finden. Der Kitt hat die Eigenschaft, sowohl mit der Tektonmasse zu einem einheitlichen Körper abzubinden, als auch das Holz unverrückbar in der Masse festzuhalten, was deshalb möglich ist, weil die letztere den gleichen Ausdehnungsbeiwert hat wie Holz. Zugleich schützt der Kitt die Holzeinlagen gegen Feuchtigkeit und Fäulnis.

Der Erfinder und Inhaber mehrerer Tektonpatente in 15 Kulturstaaten ist Baurat Hengerer in Stuttgart. In Deutschland ist die Fabrikation für einzelne Bezirke an Lizenznehmer vergeben; im Ausland sind größere Gesellschaften teils schon gegründet, teils im Entstehen begriffen.

Die Erfindung des Tektons geht auf das Jahr 1906 zurück. Bereits im Jahre 1908 konnte auf der Bauausstellung in Stuttgart ein vollständiges Tektonhaus vorgeführt werden, das in drei Tagen fix und fertig aufgestellt wurde. In den folgenden Jahren wurden neben praktischen Erprobungen im Bau eine Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen, teils in chemischen Laboratorien, teils an den Materialprüfungsanstalten verschiedener technischer Hochschulen vorgenommen, wodurch es gelungen ist, das Material vollständig baureif zu machen. Die genannten Versuche über die Tragfähigkeit der Tektonbauteile lieferten einwandfreie Berechnungsgrundlagen, so daß man auch in statischer Beziehung heute auf völlig sicherem Boden steht. Aehnlich der Eisenbetonbauweise wurden Formeln aufgestellt, auf Grund deren die für die einzelnen Belastungsfälle und Spannweiten erforderlichen Abmessungen rasch und sicher ermittelt werden können.

Das Abbinden der feuchten Masse erfolgt in einem Tage so weit, daß die erzeugten Körper von der Unterlage abgenommen und aufgeholzt werden können. In gut durchlüfteten Lagerräumen vollzieht sich die weitere Austrocknung derart, daß die Körper nach vier Wochen versandfähig sind. Tekton ist raumbeständig, porös, schalldämpfend, wärmeundurchlässig (Wärmeleitzahl – nach Untersuchung von Knoblauch, München – 0,15), flammensicher, in hohem Grad feuerfest, ein schlechter Nährboden für Ungeziefer, schwammsicher und läßt sich wie Holz: bearbeiten. Die Anordnung der Holzeinlagen geschieht nach den Regeln der Statik, d.h. die Holzlatten werden bei den auf Biegung beanspruchten Körpern in die Zugzone, da, wo Knickung in Frage kommt, in die Mitte des Querschnitts gelegt.

Die Tektonbauteile werden in drei Grundformen hergestellt, nämlich als Platten, Dielen und Wandkörper (Fig. 13). Die Platten sind bei einer Fläche von 30/30 cm 18 mm dick; die Dielen haben Stärken von 1,5, 2,0, 2,5, 3,0, 3,5, 4,0 und 4,5 cm und Längen bis zu 3,45 m bei einer Breite von 40 cm. Die Wandkörper weisen bei gleichen Längen- und Breitenabmessungen wie oben Stärken von 5, 7 und 10 cm auf. Der Dielenquerschnitt wird entweder voll oder mit halbkreisförmigen Höhlungen an der Unterseite ausgeführt. Diese Höhlungen dienen bei Böden zur Durchlüftung des Gebälks, bei Dächern zur Gewichts- und Kostenersparnis. Die 5-cm-Wandkörper haben vollen Querschnitt, die 7- und 10-cm-Wandkörper erhalten Hohlräume im Innern.

Die Hauptanwendungsformen der Tektonbauweise sind die folgenden:

1. Zu Fußböden über Massiv- und Holzdecken. Im ersteren Fall kommen Tektonplatten zur Verwendung, die auf Sand verlegt werden. Die Stärke der Sandschicht beträgt mindestens 2 cm; bei größerer Höhe der Schüttung können Rohrleitungen für Gas, Wasser, Elektrizität u.s.w. innerhalb der Sandschicht Aufnahme finden. Ein besonderer Vorteil dieser Anordnung ist ferner, daß sich etwaige Risse der Decke nach oben nicht fortsetzen. Bei Balkendecken werden die Dielen nach entsprechender Unterfütterung wie Holzbretter auf das Gebälk aufgenagelt. Wo besonderer Wert auf geringe Schalleitung gelegt wird, werden noch eigens präparierte Filzstreifen dazwischen gelegt. In beiden Fällen kommt auf die Tektonkörper ein 0,5 cm starker Tektonaufstrich, der das Ganze zu einem fugenlosen Boden verbindet, so daß eine gleichmäßige Unterlage für Linoleum entsteht. Auch läßt sich anstatt des Tektonestrichs[761] ein unmittelbar begehbarer Steinholzaufstrich anwenden. – Derartige Böden haben geringe Schalleitung, sind sehr fußwarm und angenehm zu begehen, auch lassen sie sich in kürzester Zeit herstellen, da Platten und Dielen nur völlig ausgetrocknet in den Bau kommen.

2. Als Baustoff für Dächer und Wandverkleidungen. Bei Dächern können Tektondielen entweder als unmittelbar tragende Verschalung ausgeführt oder zur bloßen Isolierung einer andern Eindeckung verwendet werden. Im ersteren Fall kommen 3,0- bis 4,5-cm-Dielen zur Verwendung, im letzteren Fall Dielen von 1,5–3,0 cm Stärke. Die Dachverschalung wird entweder über Holzgebälk oder über eisernem Tragwerk durchgeführt. Auf Holzwerk werden die Dielen einfach aufgenagelt, bei Eisengerippe erfolgt die Befestigung durch Stecker oder Haften (Fig. 4). Die größte freitragende Länge der Dielen beträgt 1,70 m; bei größeren Spannweiten kommen Tektonsparren zur Verwendung, d.h. tragende Holzteile, die mit Tektonmasse ummantelt sind. Dachisolierungen werden besonders in Verbindung mit Wellblech- und Eisenbetondächern ausgeführt (Fig. 5). – Bei Wandverkleidungen werden die Dielen auf das Holzfachwerk aufgenagelt oder aufgeschraubt, und zwar je nach dem Zweck des Gebäudes entweder bloß außen oder zugleich auch innen. Bei eisernem Tragwerk können die Dielen entweder mit Hilfe einer wagrechten Tektonschwelle, die auf den Eisenpfetten aufgeschraubt ist, oder mit senkrechten Tektonrippen, die zwischen den Pfetten angeordnet sind, befestigt werden. – In dieser Weise lassen sich Tektondielen für Hallenbauten jeder Art, wie Fabrikgebäude, Lagerschuppen, Bahnhofhallen, Bahnsteigdächer, Luftschiffhallen, Fliegerschuppen, Reithallen u.s.w., verwenden. Ein besonderer Vorteil dabei ist, daß bei etwaigen späteren baulichen Aenderungen die Dielen einfach abgenommen und an andrer Stelle wieder aufgebracht werden können. Die Wandflächen erhalten außen einen Verputz oder einen wasserabweisenden Anstrich mit Oel- oder Lackfarbe; die Dachflächen werden mit Pappe, Ruberoid u. dergl. bedeckt. Im Innern genügt ein einfacher Leim- oder Mineralfarbanstrich, doch kann ein solcher auch wegbleiben, da die Naturfarbe an sich schön wirkt.

3. Zur Herstellung ganzer Baulichkeiten. Hierbei finden, sofern es sich nicht bloß um Verschalungsarbeiten handelt, Tektonwandkörper Verwendung, welche durch besondere Schwellen und Pfetten zu einer sehr tragfähigen Wand vereinigt werden (Fig. 6). Diese Bauweise eignet sich namentlich für kleine Ferien- und Sommerhäuser, Arbeiterwohnungen, Bureaugebäude, Schul- und Krankenbaracken, Güterschuppen, Wärter- und Ablöserbuden, vorläufige Bahnhöfe u. dergl. (Fig. 7 und 8). Ganz besonders ist Tekton für zerleg- und versetzbare Gebäude sowie für Tropenhäuser am Platz. Zu letzterer Verwendung ist der Baustoff nicht nur wegen seiner wärmeisolierenden Eigenschaften, sondern auch wegen seiner Unangreifbarkeit durch Termiten und andres Ungeziefer sowie wegen seiner Erdbebensicherheit befähigt. Da die erforderlichen Baukörper, die mit Nut und Sender zusammengefügt werden, schon in der Fabrik[762] die nötigen Abmessungen erhalten, kann die Aufstellung an Ort und Stelle auch von ungelernten Arbeitern in allerkürzester Zeit bewerkstelligt werden. – Näheres in den Veröffentlichungen der Tektonzentrale, Inhaber Baurat K. Hengerer, Stuttgart.

Werner.

Fig. 1–3.
Fig. 1–3.
Fig. 4.
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Fig. 5.
Fig. 5.
Fig. 6., Fig. 7., Fig. 8.
Fig. 6., Fig. 7., Fig. 8.

http://www.zeno.org/Lueger-1904.

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